Das vernetzte Zuhause – worauf es jetzt ankommt

15.02.2016

Die Digitalisierung schreitet voran – unaufhaltsam. Längst hat sich die Art, wie wir leben und kommunizieren, grundlegend verändert. Wir streamen Musik und Filme über Spotify und Netflix, buchen online eine Unterkunft bei AirBnB und wickeln unsere Bankgeschäfte per Smartphone ab. Aber auch in klassischen Industriebranchen revolutionieren innovative Technologien und neue Anbieter bestehende Geschäftsmodelle und verändern existierende Industriegrenzen.

Die Automobilindustrie ist dafür das beste Beispiel: Nach über 125 mehr oder weniger stabilen Jahren mischen Unternehmen wie Apple, Google und Uber die Branche auf. Mit den Connected Cars kommt es zur Neuordnung der gesamten Industrie mit Spielern aus neuen Branchen, die bisher nie mit der Automobilindustrie im Wettbewerb standen.

Wie die Automobilindustrie ist auch die Bau- und Wohnungswirtschaft eine der Stützen der deutschen Wirtschaft: mit zuletzt knapp 20 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Und ebenso wie die Autoindustrie steht auch die Bau- und Wohnungswirtschaft vor gravierenden Veränderungen: So wie das (mobile) vernetzte Fahrzeug die Automobilindustrie umkrempelt, wird das (stationäre) vernetzte Zuhause in der Bau- und Wohnungswirtschaft die Spielregeln verändern.

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Natürlich muss man unterscheiden: Nicht jedes neue Gadget, das unlängst auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas vorgestellt wurde, wird einen Unterschied machen. Aber in Summe wird die Digitalisierung auch die Bau- und Wohnungswirtschaft mit voller Wucht erfassen. Insbesondere der sinkende Preis für Sensoren sorgt für eine immer schnellere Automatisierung und Vernetzung von Geräten, Gebäudeinstallationen und Gebäuden – zum Nutzen von Besitzern und Bewohnern. Denn intelligentes Wohnen bietet potenziell viele Vorteile: mehr Komfort durch personalisierte Heizungs- und Beleuchtungssysteme, erhöhte Sicherheit durch Einbruchsicherung oder Gesundheitsüberwachung z.B. für ältere Menschen, Einsparungen und Energieeffizienz durch smarte Stromzähler und intelligente Wohnraumsteuerung und Unterhaltung beispielsweise durch vernetzte Lautsprecher.

So wie das vernetzte Fahrzeug die Automobilindustrie umkrempelt, wird das vernetzte Zuhause in der Bau- und Wohnungswirtschaft die Spielregeln verändern.

Der vielzitierte automatisch aufgebrühte Kaffee zum Frühstück mit den zeitgleich aufgebackenen Brötchen ist nur eine Etappe auf dem Weg zum komplett vernetzten Zuhause. Vielleicht werden wir in wenigen Jahren schon über die Frage lachen, die sich sicher jeder schon mal nach dem Verlassen der Wohnung gestellt hat: „Habe ich eigentlich den Herd ausgeschaltet?“ Das Connected Building wird uns dies künftig abnehmen – es wird automatisch erkennen, ob noch jemand im Gebäude ist und alle nicht erforderlichen technischen Geräte automatisch deaktivieren, wenn sich niemand mehr in der Wohnung aufhält.

Das Marktpotenzial ist erheblich. Schätzungen gehen davon aus, dass in Westeuropa bis 2019 rund 50 Mio. Haushalte oder 27% mit smarten Systemen ausgestattet sein werden. Die Konsumenten werden dann jährlich über 12 Mrd. EUR für entsprechende Geräte und Anwendungen ausgeben.

Wer wird sich die Erlöse sichern? Schon bringen sich insbesondere branchenfremde Anbieter in Stellung, um Wohnung und Haus zu erobern. So hat beispielsweise Google das auf Smart-Home-Geräte spezialisierte US-Unternehmen Nest gekauft, Apple die Plattform HomeKit entwickelt, Samsung SmartThings gekauft und Amazon den Sprachsteuerungs-Lautsprecher Echo auf den Markt gebracht.

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Was können Unternehmen der Bau- und Wohnungswirtschaft tun, um sich zu wappnen? In der Automobilindustrie und anderen vergleichbaren Branchen haben sich typische Erfolgsfaktoren herauskristallisiert: Entscheidend ist, die digitale Revolution nicht primär als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen und konstruktiv damit umzugehen.

Dafür muss sich jedes Unternehmen zunächst einen Überblick verschaffen, welche Veränderungen auf es zukommen werden: Welche neuen (digitalen) Angreifer gibt es? Welche Punkte der Wertschöpfungskette könnten sie attackieren? Wo liegen eigene Stärken, wo zeigen sich möglicherweise Schwächen? Darauf aufbauend sollten dann neue zukunftsfähige (Geschäfts-)Ideen entwickelt werden – mit dem Kunden im Mittelpunkt und dem Verständnis der Möglichkeiten neuer digitaler Technologien.

Entscheidend ist, die digitale Revolution nicht primär als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen und konstruktiv damit umzugehen.

Innovative Ideen zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen, ist einfacher gesagt als getan. Gerade etablierte Unternehmen müssen meist erst die Voraussetzungen schaffen. Neben organisatorischen Anpassungen wie dem Abbau starrer Abteilungsgrenzen kommt es insbesondere darauf an, einen Wandel in den Köpfen zu bewirken und mehr als bisher auf Schnelligkeit, Agilität und Mut zum Risiko zu setzen. Mit neuen Ideen zu scheitern sollte erlaubt sein – wichtig ist, Neues auszuprobieren und bei Erfolg dann konsequent zu skalieren.

Kurzum: Mehr Silicon Valley ist gefragt. Wer es ernst meint, darf zudem nicht nur einzelne Projekte verfolgen, sondern muss die Digitalisierung im großen Maßstab angehen – quer durch alle Unternehmensbereiche. Dies setzt nicht zuletzt den gezielten Aufbau digitaler Fähigkeiten in der gesamten Organisation voraus. Die großen Automobilzulieferer etwa beschäftigen heute genauso viele Softwareingenieure wie die reinen „Digital Player“.

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Das Beispiel Automobilindustrie zeigt auch: Ein weiterer Erfolgsfaktor sind die Daten. Wer die Hoheit über den immer größeren Datenpool gewinnt, sichert sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil und damit die Möglichkeit, völlig neue Geschäftsideen zu entwickeln. Wer diese Schnittstelle erobert, besetzt auch den zentralen Zugang zum Kunden.

Sicher ist eines: Nicht nur Connected Cars, sondern auch Connected Buildings zählen zu den Wachstumsfeldern der Zukunft. Die Socke, die erkennt, wenn man vor dem Fernseher einschläft und per Signal den Film anhält, mag zwar wie eine Spielerei klingen. Doch das intelligente Haus mit seinen vielfältigen Möglichkeiten ist auf dem besten Weg, die Bau- und Wohnungswirtschaft nachhaltig zu verändern.



Bildcredit: grasundsterne