Einmal zocken und zurück

13.04.2017

Nicht alles im Leben ist perfekt, nach wie vor nicht. Alles wird teurer, die Preissteigerungsrate setzt sich fort, der Frust der Verbraucher steigt und wir müssen tiefer in die Tasche greifen. Nicht alles geht in Erfüllung. Das ist auch gut so und trotzdem sind wir nicht immer benachteiligt. Es gilt, Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen und stets die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Warum wir meinen, dass uns dauernd jemand in die Kasse greift

Das Leben ist nicht perfekt. Immer noch nicht. Das fällt uns weniger bei der Bilanzierung von Vorteilen auf, die wir uns clever erkämpft haben, sondern eher bei den Nachteilen, die alles wieder zunichte machen.
Wir jagen nach Schnäppchen und dann kommen die Kröten, die wir schlucken müssen. Und: Das Schnäppchen macht uns leider nie so glücklich wie die Kröte uns nervt.

Manchmal ist das Schnäppchen selber eine Kröte – das nervt besonders. Zum Beispiel die Reisetasche, die wir als Prämie für ein Zeitungsabo erhalten. Am Ende ist die Zeitung langweilig und die Reisetasche kommt auf den Müll, weil man damit aussieht, als wäre man auf der Flucht.

Das Leben ist nicht perfekt, denken wir: lauter Kröten und kein Prinz in Sicht.

Richtig ist natürlich, dass das Leben nicht perfekt ist. Und das ist gut so, denn wir hätten dann keine unerfüllten Wünsche mehr, die uns Ziel und Richtung vorgeben und Ansporn dafür sind, dass etwas besser wird. Im Idealfall nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere. Falsch ist, dass immer die anderen den Reibach machen und wir in die Röhre gucken.

Ich bin kein Experte, höchstens ein Experte des Alltags. Ich bin auch kein Gutachter, sondern eher ein Gegengutachter. Mich juckt es manchmal, den geläufigen Annahmen etwas entgegenzusetzen.

Ich glaube nämlich, dass unsere Wahrnehmung uns einen Streich spielt.

Wenn die Teuerung sauer macht: Wie, das Brötchen kostet nicht mehr 12 Pfennig?!
Wenn die Teuerung sauer macht: Wie, das Brötchen kostet nicht mehr 12 Pfennig?!

Zwei Gedanken dazu:

Wahrnehmung eins: Alles wird teurer

Wahrnehmung eins: Alles wird teurer. Diese Wahrnehmung ist weit verbreitet. Das ändert aber nichts daran, dass sie nur „gefühlt“ ist: Jedes Mal, wenn ich mir ein schickes Mohnbrötchen für 40 Cent kaufe, erinnere ich mich daran, dass ich als Steppke nur 12 Pfennig für ein Mohnbrötchen bezahlt habe. Das ist eine Preissteigerung von mehr als 600 Prozent und macht mich nervös: Die Bäcker zocken uns ab!

Aber: Wieviele teure Mohnbrötchen muss ich denn kaufen, bis der Vorteil ausgeglichen ist, den ich beim Kauf eines Computers habe. Der war nämlich früher zweimal so teuer und viermal so langsam wie heute.

Wer die „Brötchenabzocke“ noch effektiver kompensieren will, der kauft erst gar nicht richtig: Einfach für den Kurzurlaub eine Kamera im Internet bestellen und danach zurückgeben.

Ich selber habe Events produziert, wo die Choreografen nicht zum Kostümverleih gegangen sind, sondern alles im Internet gekauft und danach zurückgegeben haben. Bis auf ein paar Blusen, die dann doch arg durchgeschwitzt waren.

Aber wenn der Hersteller den retournierten Videobeamer nicht zurücknehmen will, weil die Lampe schon 20 Stunden auf der Goldenen Hochzeit ihr Bestes gegeben hat, ist das Geschrei groß. Manche jagen wegen teurer Brötchen nach Schnäppchen, als würde morgen die Sonne abgestellt.

Die günstigsten Tarife findet man online

Als Agenturmitarbeiter hatte man früher das Standardwerk „Wer liefert was?“ Das gab es aber nicht umsonst, sondern wurde teuer angeschafft und war bei Lieferung schon veraltet. Heute weiß man nach drei Klicks, wer was liefert und lässt sich mit Copy und Paste drei Vergleichsangebote machen.

Von wegen Preisanstieg – vieles ist nicht nur preiswerter geworden, sondern lässt sich jetzt viel schneller erledigen.

Ich will damit sagen:

Dass wir mehr kriegen fürs gleiche Geld oder tatsächlich weniger bezahlen als früher, nehmen wir zwar manchmal wahr,- aber nicht lange. Die gute Laune ist immer morgens vorbei, wenn wir an der Theke stehen und ein Brötchen kaufen.

Es liegt vermutlich daran, dass wir alle so skeptisch sind und Verluste viel mehr wahrnehmen als Gewinne. Es gibt auch einen Begriff dafür: Verlustaversion.

Wahrnehmung zwei: Monopolisten wollen uns an den Kragen

Das einzige Monopol, das keine Angst vor dem Kartellamt haben muss, ist der Staat selbst und seine Kommunen. Da bin ich ganz der gläubige Demokrat.

Wer ein Auto mit Wumm hat, will es auf einer Piste, die so leer ist wie an Heiligabend, mal endlich von den Zügeln lassen, logisch. Ausgerechnet da stellen die Kommunen dann rotgekringelte Schilder mit schwarzen Zahlen auf, die man im Vorbeifliegen gar nicht richtig lesen kann.

Dann kommt der Blitzer. Die Bürgerinitiative, die sich durchgesetzt hat, nachdem es hier ein paar schwere Unfälle gab, sieht das nämlich anders.

Wer geltendes Recht missachtet, um seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen, kann sich, wenn er nicht erwischt wird, cool und clever finden.

Wer aber erwischt wird, hat keinen Grund zu jammern. Wer will, kann ja einfach eine Partei gründen, die keine Schilder mehr aufstellt und keine Steuern mehr erhebt. Ich weiß aber nicht, ob das lustig wird.

GEZ-Pauschale für halben Tatort?

Ich gebe zu, es gibt noch ein paar Quasi-Monopolisten, die mich nerven, weil man deren Leistungen pauschal bezahlen muss statt verbrauchsabhängig:
Als Freiberufler mit einem lächerlichen Gewerbeumsatz habe ich noch nie verstanden, warum ich IHK-Beitrag zahlen muss, obwohl ich noch nie um deren Hilfe gebeten oder deren Zeitung gelesen habe.

Auch die GEZ schlägt pauschal zu, obwohl ich mir meine Informationen aus der Zeitung hole, und meine Filme im Streamingportal.

Für einen abgebrochenen Tatort und zweimal lustloses Durchzappen pro Monat wäre ich durchaus bereit 70 Cent zu bezahlen. Aber das reicht natürlich nicht für die Pensionsrückstellungen der Sender und die teuren Sportlizenzen.

Keine Preisdifferenzierung an der Tanksäule

Der Autofahrer kennt natürlich noch ein anderes „Monopol“: Das der Tankstellen. Da man zwar zuhause Schnaps für den persönlichen Bedarf destillieren darf, eine eigene Hobby-Raffinerie zur Herstellung von Benzin aber leider verboten ist, liegt der Verdacht nahe, dass hier Preisabsprachen der Konzerne getroffen werden. Diese Absprachen gibt es aber nicht,- das hat das Kartellamt aufwendig untersucht. Seit die Tankstellen ihre stark schwankenden Benzinpreise minutengenau an Vergleichsportale weiterreichen müssen, können preisbewusste Autofahrer davon profitieren und die billigste Tankstelle anfahren.

Man hat aber festgestellt, dass kaum einer davon Gebrauch macht, obwohl die Preise zu manchen Zeiten mehr als 15 Cent auseinander liegen.

Trotz steigender Preise – unserer Lieblingstankstelle bleiben wir treu.
Trotz steigender Preise – unserer Lieblingstankstelle bleiben wir treu.

Es gibt auch freundliche Kröten

Das kann aber nicht daran liegen, dass viele „ihrer Benzinmarke“ treu bleiben: Benzin ist ein ziemlich triviales Produkt, dem man nicht mal soeben ein Unterscheidungsmerkmal einhauchen kann. Oder haben Sie schon mal ein besonderes Gefühl beim Fahren, wenn Sie Esso getankt haben?
Ich vermute, die Trägheit liegt eher daran, dass es in der Lieblingstankstelle auch die Lieblings- Zeitung und die Brötchen gibt, über deren steigende Preise man sich auf dem Heimweg wieder aufregen kann.

Ich würde mal sagen:
Nicht in allen Kröten steckt ein Prinz, aber die meisten wollen uns nichts böses. Wenn man sich einen Ruck gibt, merkt man das meistens nach dem ersten Freundschafts-Kuss.

Mit deeskalierenden Grüßen

Ihr Outsider

P.S.: Lesen Sie auch den Fachartikel zum Thema „Ist Heizungablesen Abzocke?“