calendar 14.04. 2016

Energieeffizienz – nicht ohne den Verbraucher

Die Digitalisierungswelle hat die Energieeffizienzbranche längst erfasst. Doch wie wird der Mensch dabei mitgenommen? Energieeffizienz bedeutet längst weit mehr als den schnöden Austausch alter Heizkessel oder Glühlampen. Die Digitalisierung ist bei Anbietern von Produkten und Dienstleistungen zur Einsparung von Energie in vollem Gange.

Der aktuelle Branchenmonitor Energieeffizienz 2016, der von der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF) in Zusammenarbeit mit PricewaterhouseCoopers (PwC) erstellt wurde, zeigt, dass Unternehmen vor allem im Bereich last- oder bedarfsabhängiger Steuerungen innovieren. Darunter fallen zum Beispiel das Laden der Wärmepumpe, wenn der Strom billig ist, oder aber die Regelung des Lüftungsbedarfs dem Wetter entsprechend. Direkt gefolgt wird dieser Trend von der Entwicklung von  IKT- (Informations- & Kommunikationstechniken) und Softwareinnovationen sowie Lösungen zur mobilen Integration.


Bedeutung technischer Trends für den Energieeffizienzmarkt

Welches sind die wesentlichen technischen Trends, die Ihrem Unternehmen helfen, den Bereich Energieeffizienz weiter auszubauen?

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Start-ups und IT-Unternehmen nutzen die Koevolution von Digitalisierung und neuen Kundenbedürfnissen, um etablierte Märkte umzukrempeln.

Wie weit das gehen kann, zeigen Ansätze zur umfassenden Gebäudesanierung 2.0. Per 3D-Vermessung und modularer Fertigung massenindividualisierter Bauteile werden ganze Gebäude zu geringsten Kosten in wenigen Tagen energetisch aufgemotzt (Energiesprong). Ebenso spannend sind neue Synergien zwischen bislang getrennten Welten. Warum nicht die Abwärme von dezentral in privaten Kellern aufgestellten Cloudservern nutzen, um damit zu heizen (Heat & Cloud)? Durch digital-intuitive Vereinfachung klappt es übrigens auch mit dem bislang sperrigen hydraulischen Abgleich von Heizungsanlagen (Grundfos Alpha 3). Grundsätzlich ermöglicht die Digitalisierung auch, komplexe Datenströme aus Verbraucherfassung, Gebäudeautomation, betrieblichem Energiemanagement, Energieeinkaufs- und Lastmanagement bis hin zum Einspeisemanagement. Vieles ist vorstellbar – erfordert aber, dass die Kunden auch wollen.

Start-ups stellen den Kunden in den Mittelpunkt

Mithin ändert sich die Art und Weise, wie innoviert wird. Zunehmend weg von technischen inkrementellen Verbesserungen hin zu kundenzentriertem Design Thinking. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Delta-ee wird dieser Wandel jedoch weniger von etablierten Playern als von Start-ups und Markteintritten aus anderen Branchen geprägt. Am wenigsten durch Energieversorger. Die für den Branchenmonitor befragten Unternehmen schätzen, dass inzwischen ein Drittel ihrer Konkurrenten erst kürzlich in den Markt eingetreten sind. Erfolgreiche Start-ups und IT-Unternehmen verstehen vor allem, die Koevolution von Digitalisierung und neuen Kundenbedürfnissen zu nutzen, um etablierte Märkte umzukrempeln. Es gibt keinen Grund, warum das vor der Energieeffizienz Halt machen sollte. Als einer der wichtigste Markttreiber wurden „Neue Kundenbedürfnisse“ auch in der Unternehmensbefragung zum Branchenmonitor genannt. Der bisherige Platzhirsch, die Energiepreisentwicklung, rutsche indes auf Platz 5 ab und wurde durch politische Rahmenbedingungen abgelöst.


Faktoren, von denen die wichtigsten Impulse für den Absatzmarkt ausgehen

Von welchen Faktoren gehen Ihrer Ansicht nach aktuell die wichtigsten Impulse für Ihren Absatzmarkt aus?

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Vernetztes Denken ist immer gut

Und was ist mit der Politik? Während im britischen Energie- und Klimaministerium längst ein „Customer Insight“ ­Team nach Einblicken in die Gedanken- und Gefühlswelt von Verbrauchern forscht, um Politik wirkungsvoller zu gestalten, nimmt dieser Gedanke in der deutschen Energiepolitik erst langsam Fahrt auf. Mit einem Pilotprogramm „Einsparzähler“ will das Bundeswirtschaftsministerium Ansätze fördern, um – auch mit Hilfe der Digitalisierung – Verbraucher effektiver zum Energiesparen zu motivieren. Der individuelle Sanierungsfahrplan soll nicht nur dem einzelnen Gebäude, sondern auch seinen Bewohnern gerecht werden. Das Umweltbundesamt lässt sogenannte Nudging-Ansätze, also Anschubser zum Energiesparen, entwickeln.

Wer föhnt sich die Haare um 10 Uhr morgens statt um 8, nur weil da gerade die Sonne kräftiger scheint?

Prekär sieht es hingegen dort aus, wo die Energiepolitik hauptsächlich von Digitalisierung spricht. So wird von den Energieverbrauchern erwartet, dass diese als „Prosumer“ dank intelligenter Zähler ein Interesse entwickeln, mit ihren Bedürfnissen dem Stromangebot in den allgemeinen Netzen zu folgen. Gewollt ist, Geräte und Anlagen vorrangig dann zu betreiben, wenn das Stromangebot im Netz den Bedarf übersteigt. Nur warum sollten sie das wollen, was sie wollen sollen? Anders gefragt: Wer föhnt sich die Haare um 10 Uhr morgens statt um 8, nur weil da gerade der Wind an der Nordsee stärker weht oder die Sonne kräftiger scheint? Umgekehrt verheißt Industrie 4.0 doch stets „on demand“ und „just in time“ zu produzieren und konsumieren. Die kritische Zukunftsfrage lautet entsprechend: Wie gelingt die Kompatibilität zwischen Energie 2.0 und Industrie 4.0? Klar ist eines: Nicht ohne den Verbraucher!



Bildcredits: grasundsterne, ista