calendar 17.08. 2017

„Energieeffizienz zuerst“ im Winterpaket

Mit dem Motto „Energieeffizienz zuerst“ gibt die EU für die Energiewende bis 2030 eine wichtige Formel vor. Sie steht im großen Gesetzeswerk „Saubere Energie für alle Europäer“ mit insgesamt acht Richtlinien und Verordnungen. Sie befinden sich zurzeit im Beratungsprozess der EU und sollen bis 2018 beschlossen sein.


Ein Beitrag von Susanne Ehlerding


In den Entwurf der Energieeffizienzrichtlinie hat die EU-Kommission ein verbindliches Ziel für die Einsparung von 30 Prozent des Energieverbrauchs bis 2030 geschrieben. „Auf dieses Ziel bin ich besonders stolz, denn es wird unsere Abhängigkeit von Energieimporten verringern, Arbeitsplätze schaffen und die Emissionen reduzieren“, sagt der Kommissar für Klimaschutz und Energie, Arias Cañete.

Energiemanagement heißt mitdenken

„Energieeffizienz zuerst“ geht über die reine Energieeinsparung hinaus. „Es bedeutet, die Potenziale der Energieeffizienz bei allen politischen Entscheidungen und bei allen Investitionen in das Energiesystem mitzudenken“, sagt Edith Bayer vom Regulatory Assistance Project, das die Energiemärkte in China, Indien, Europa und den USA beobachtet.
In drei Aufsätzen hat sich Bayer im vergangenen Jahr mit dem Thema „Energieeffizienz zuerst“ beschäftigt: Regierungshandeln für Energieeffizienz zuerst: Planen, finanzieren, liefern. Zehn Dinge, die die Europäische Kommission bald tun sollte und Energieeffizienz zuerst: Ein neues Paradigma im europäischen Energiesystem. Zuletzt erschien Energieeffizienz zuerst: Vom Prinzip zur Praxis mit Beispielen aus ganz Europa.
Bayers wichtigste Erkenntnis: „Man muss Energieeffizienz wie eine Ressource behandeln“, sagte sie dem Netzwerk „Emerging Leaders in Environmental and Energy Policy“ in einem Interview. Darin erklärt sie auch die Motivation für den Aufsatz über die Praxisbeispiele: Bayer und ihre Mitautoren waren zuvor immer wieder auf die gleiche Frage gestoßen: Energieeffizienz ist als Prinzip bekannt, aber was bedeutet die Priorisierung, die im Begriff „Energieeffizienz zuerst“ liegt?

Energieeinsparung durch Umrüsten

Eins der besten Beispiele, das sie fanden, war zugleich eins der ältesten: Der walisische Energieversorger Manweb stand Anfang der 90er Jahre vor der Notwendigkeit, ein neues Umspannwerk für die Stadt Holyhead bauen zu müssen. Denn der Energieverbrauch dort stieg kontinuierlich. Manweb versuchte, den Bau zu vermeiden und investierte in Effizienzmaßnahmen wie sparsame Glühbirnen, Energieberatungen für gewerbliche und industrielle Verbraucher sowie Warmwasserspeicher, um die Spitzenverbräuche zu novellieren. Am Ende war es durch die Senkung des Spitzenverbrauchs um zehn Prozent nicht mehr nötig, das Umspannwerk zu bauen. Natürlich kostete auch das Effizienzprogramm Geld. Netto aber sparte Manweb Kosten in Höhe von 350.000 Pfund.

 

 

Effizienzziele richtig abgesteckt?

An den Regelungen im Winterpaket hat Edith Bayer einige Kritik. Zu wenig detailliert seien die Vorschriften, wie „Energieeffizienz“ zuerst umgesetzt werden soll: „Demand response wird kaum erwähnt, es gibt zu wenig Überlegungen, wie man den Gebäudebestand saniert und wie man das Berichtswesen über die Fortschritte gestaltet“, sagt sie.
Auch die Berater von Ecofys sehen noch viel Platz für Verbesserungen und haben Vorschläge dafür gemacht. So plädiert Ecofys dafür, als Energieeinsparziel bis 2030 nicht 30, sondern 40 Prozent vorzugeben. Die Kosten für entsprechende Energieeinsparmaßnahmen könnten – im Gegensatz zu einer Einschätzung der EU-Kommission – durchaus wieder eingespielt werden.
Doch das Ringen um die Höhe der Einsparziele geht zurzeit in eine andere Richtung – nach unten. So gibt es Forderungen, die schon jetzt geltende und im Winterpaket fortgeschriebene jährliche Energieeinsparrate von 1,5 Prozent auf 1,4 Prozent zu senken, berichtet Dora Petroula vom Climate Action Network. Das Netzwerk kritisiert, dass es sich wegen zahlreicher Schlupflöcher eigentlich nur ein 0,75-Prozent-Ziel handelt.

„Wir brauchen Champions, die verhindern, dass die Effizienzziele verwässert werden“, fordert Dora Petroula. „Es besteht ein großes Risiko, dass die Effizienzziele bei den Kontroversen um strittige Punkte wie das Strommarktdesign durchs Raster fallen“, sagt Edith Bayer. „Es ist noch ein weiter Weg bis ‚Energieeffizienz zuerst‘ ein wirklich lebendiges Konzept wird.“