calendar 07.12. 2015

Italiens Vorreiterrolle bei der Digitalisierung des Energiesystems

Von der großflächigen Einführung der elektronischen Zähler im Jahr 2001 bis hin zur Regierungsstrategie 2020 und den Plänen für die „Smart City“. Ein Kommentar von Luca Tabasso, Journalist bei dem italienischen Magazin „Quotidiano Energia“.

In Italien hat die Digitalisierung des Energiesystems wesentlich früher stattgefunden als in den meisten übrigen europäischen Ländern. Der größte italienische Stromversorger Enel hat bereits im Jahr 2001 die Initiative „contatore elettronico“ („Elektronische Zähler“) ins Leben gerufen. Schon damals wurden die alten elektromechanischen Stromzähler durch Geräte ersetzt, die sowohl die Übertragung der abgelesenen Daten als auch das Kundenmanagement aus der Ferne ermöglichen. In nur fünf Jahren hat Enel, das zu 30 Prozent vom Staat kontrolliert wird, 32 Millionen elektronische Zähler installiert. Damit ist die weltweit bisher größte und engmaschigste Infrastruktur für eine intelligent steuerbare Energieversorgung entstanden.

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Die digitale Strategie von Enel hat sich jedoch nicht nur auf die elektronischen Zähler beschränkt, sondern umfasst alle operativen Bereiche des Konzerns: Stromerzeugung, Infrastrukturen, Netzwerke und Märkte. Im Bereich der Energieverteilung ist das Unternehmen in Italien sowohl auf dem Gebiet der Digitalisierung der Netzwerke als auch auf dem Gebiet der Anlagensteuerung tätig: eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung eines intelligenten Stromnetzes (Smart Grid). Bemerkenswert ist dabei Enels Bestreben, den Endverbraucher in die digitale Strategie miteinzubeziehen. So sieht das Kundenprojekt „Isernia“ vor, den Verbrauch durch einen Breitbandanschluss auf Basis des Kommunikationsprotokolls Wi-Max zu überwachen. Grundlage ist auch hier die Implementierung elektronischer Stromzähler.

Die italienische Regierung verabschiedete 2014 die Gesetzesverordnung „Sblocca Italia“, die Digitalisierung als eine tragende Achse der Wirtschaftsstrategie 2020 sieht.

Die Übertragung der elektronisch erfassten Verbrauchswerte war im August 2015 darüber hinaus Gegenstand eines Abkommens zwischen Enel und dem Mobilfunkbetreiber Tim. Tim stellt Enel das eigene Mobilfunknetz zur Verfügung, um so ein hohes Niveau an Datenzuverlässigkeit und -konnektivität für die Lieferung von erweiterten Dienstleistungen sicherzustellen. Ziel der Initiative ist die Verbesserung der Performance des Enel-Datenübertragungsnetzes sowie ein optimales Kostenmanagement. Das wurde von der italienischen Regierung stark befürwortet – nicht zuletzt deshalb, weil die Gesetzesverordnung „Sblocca Italia“, die 2014 verabschiedet wurde, die Digitalisierung als tragende Achse der Wirtschaftsstrategie 2020 vorsieht.



Viele andere italienische Versorgungsunternehmen folgen zurzeit dem Vorbild der Enel und digitalisieren ihre Prozesse und Dienstleistungen. So kooperieren seit Juli Acea, das wichtigste Versorgungsunternehmen Roms, und Esri, eine Gesellschaft, die sich auf Geoinformationslösungen (GIS) spezialisiert hat. Dank diesem Abkommen will Acea zum „ersten vollständig digitalen Multi-Utility-Dienstleister Italiens“ avancieren. Im Mittelpunkt des geplanten Projekts „Acea 2.0“, das bis 2016 abgeschlossen sein soll, stehen die Entwicklung und die Integration der von den Unternehmen des Acea-Konzerns verwendeten Anwendungen Enterprise Ressource Planning, Customer Relationship Management, GIS und Work Force Management. Mit dem Projekt soll ein einziges einheitliches System realisiert werden, das die Produktivität steigert und die Qualität der Dienstleistung sowie die Transparenz der Geschäfte verbessert.

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Die wichtigste digitale Technologie für den Kontakt zwischen Versorgungsunternehmen und Verbraucher ist der intelligente elektronische Stromzähler (Smart Meter) – nicht nur die Projekte von Enel sind für diese Situation in Italien charakteristisch. Passend dazu sieht ein Beschluss der italienischen Energiebehörde aus dem Jahre 2013 die Entwicklung von sogenannten „Multimetern“ vor, mittels derer gleichzeitig Gas, Wasser, Strom und Fernheizungen gemessen werden können. 2014 startete hierzu ein Pilotprojekt der Regulierungsbehörde, an dem die Städte Turin, Reggio Emilia, Parma, Modena, Genua, Verona, Bari, Salerno, Catania sowie einige kleinere Gemeinden teilnehmen. Für die Realisierung des Projekts wurde ein Jahr vorgesehen, die Betriebsphase selbst soll bis zu zwei Jahre dauern. Die Idee besteht darin, ein einziges gemeinsames Netz zu verwenden, um die Verbrauchsdaten der verschiedenen Zähler an die Anbieter zu übertragen. „Eine innovative und technisch fortschrittliche Lösung, die Managementkosten reduziert und eine optimale Verwaltung der Datenflüsse gewährleistet“, erklärt die Energiebehörde.

Die wichtigste digitale Technologie für den Kontakt zwischen Ver­sorgungs­unter­nehmen und Verbraucher ist der intelligente elektronische Stromzähler (Smart Meter).

Für Ende November 2015 wird darüber hinaus ein vom Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung ausgearbeiteter Plan für die „Smart City“ erwartet. Dafür hat das Ministerium eine spezielle Task Force unter Leitung von Untersekretär Simona Vicari ins Leben gerufen, um „die Untersuchung, die Analyse, den Entwurf, die zweckmäßige Integration und die Überwachung der Maßnahmen für die Verbreitung von intelligenten mit Breitbandinfrastrukturen verbundenen Stromnetzen“ durchzuführen. Dies ist ein weiterer wichtiger Schritt für die voranschreitende Digitalisierung des Energiesystems in Italien.

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