calendar 18.10. 2017

Jean-Louis Étienne über den Klimawandel

Entdecker, Arzt und Polarforscher Jean-Louis Étienne ist insbesondere vielen in Frankreich ein Begriff. Der inzwischen 71-Jährige engagiert sich für Umwelt und Klimaschutz und ist im Laufe der Zeit Teil von unzähligen Projekten und Expeditionen zur Erforschung von Klima- und Lebensformen der Erde geworden. Seine Kenntnisse nutzt er, um die Öffentlichkeit insbesondere für den Klimawandel in den Polarregionen zu sensibiliseren.

Polarforscher Jean-Louis Etienne
Jean-Louis Etienne begibt sich auf seinen Expeditionen in Regionen, in denen härteste klimatische Bedingungen herrschen.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte Étienne wohl vor allem durch seine Rolle als Co-Leader bei der Transatlantica-Expedition, die 1989/90 mit Hundeschlitten die längste Überlandüberquerung der Antartktis durchführte – insgesamt 6.300 Kilometer. Auf dem Kongress der französischen Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau, der Union Sociale Habitate (USH), hat INSIDEista Jean-Louis Étienne getroffen und mit ihm über seine Ansichten, Visionen und Pläne gesprochen.

Herr Étienne, Sie haben zahlreiche Expeditionen in die Arktis und Antarktis unternommen. Was fasziniert Sie an den Polargebieten?

Die Sehnsucht nach den Polarregionen ruht schon sehr lange in mir: Ich liebe den Winter, ich liebe den Schnee. Schon immer mochte ich die Kälte der Pole. Sie berührt mich auf eine besondere Weise. Am Strand zu liegen und mich zu exponieren, ist nichts für mich. In der puren Natur, da fühle ich mich zu Hause. Es ist eine Suche nach der Einsamkeit. Man sucht die einsame Natur und hat sehr tiefgehende Begegnungen mit sich selbst. Es ist eine Reise weit weg von Touristen und Menschenansammlungen. Ich lebe in Paris – das ist gut, um meine Projekte zu planen, aber zum Ausgleich brauche ich immer wieder die Ruhe der Natur an den Polregionen.

Polarregionen
Ruhe und Natur. Die Polarregionen bieten beides – bei eisigen Temperaturen.

Was ist der bis dato größte Moment für Sie gewesen?

Es gibt so viele davon, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Es beginnt mit dem Moment, an dem man eine Idee hat und zu sich selbst sagt: „Ja das mache ich!“. Man wird dann von dieser Idee getrieben, ernährt sich förmlich von ihr und lebt mit ihr. Während der Expeditionen sind es die menschlichen Momente. Bei diesen Abenteuern werden Freundschaften fürs Leben geschlossen. Es sind unglaublich intensive Begegnungen. Und dann gibt es natürlich die großen Momente des Erfolges. Alleine am Nordpol angekommen zu sein, das ist der Moment der großen Befreiung. Du befreist dich mit deinem Erfolg von diesem Projekt. Ein Projekt, das zwei Jahre oder mehr schon andauert – von der langwierigen Suche nach der Finanzierung über viele Höhen und Tiefen bis hin zum erfolgreichen Abschluss: Nun hast du es geschafft und kannst wieder frei sein.

Und der kritischste?

Auf dem Eis genügt ein falscher Schritt und du bist tot. Das sind Momente der größten Anspannung.

Der schlimmste Moment ist der, an dem du um dein Leben kämpfst. Der Moment, als im Himalaya eine große Lawine auf mich zurollte und nur zufällig verfehlte. Der Moment, wenn ich am Nordpol über das immer dünner werdende Eis gehe und weiß: Ein falscher Schritt und du bist tot. Das sind Momente der größten Anspannung.

Ihr neuestes Projekt ist der Polar Pod. Die Plattform wird nur von der Strömung und erneuerbaren Energien angetrieben und wird damit die Grundlage für die erste ozeanographische Expedition ohne Emissionen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich stoße bei meinen Lektüren immer wieder auf die gleichen Probleme, was den „südlichen Ozean“ betrifft: Ohne Menschen vor Ort können wir nicht genug Daten sammeln, um die Geheimnisse dieses Ortes ein wenig zu lüften. Er ist sehr weit entfernt von allen anderen Orten dieser Welt und es ist teuer, dort hinzugelangen. Bis auf wenige, kurze Expeditionen im antarktischen Sommer wird die Region nicht erforscht. Die Frage war daher klar für mich: Gibt es etwas, auf dem Menschen für ein Jahr in Sicherheit diesen Ozean beobachten können? Bei meiner Recherche bin ich auf ein altes amerikanisches Schiff gestoßen, dem „Flip“, und habe mich davon inspirieren lassen. Idealerweise möchten wir das alternativ angetriebene Schiff in den Jahren 2018-2019 konstruieren und dann für mindestens zwei Jahre im südlichen Ozean sein, also 2020 und 2021.

Plattform Polar Pod
Die Plattform Polar Pod wird nur von Strömung und erneuerbaren Energien angetrieben. Mit ihrer Hilfe möchte Jean-Louis Étienne den antarktischen Zirkumpolarstrom erforschen.

Sie sagen: Es muss eigentlich erst etwas Gravierendes passieren, damit die Menschen begreifen, dass sie mit ihrem Verhalten nachhaltig der Erde schaden und langfristig Klimaänderungen hervorrufen. Glauben Sie, dass dieses Jahr mit seinen Stürmen und Klimakatastrophen genug war, um uns begreifen zu lassen?

Es gibt eine Tendenz, ja. Das Problem aber ist, dass das Klima keinen An-/Aus-Schalter besitzt. Damit man in Jahrzehnten ein Resultat sieht, müssen wir uns kontinuierlich engagieren und etwas dafür tun. Die „Klimamaschine“ hat eine unglaubliche Trägheit. Die Komplikationen, die wir heute beobachten können, sind das Resultat eines ganzen Jahrhunderts maßlosen Verbrauchs von Kohle und Öl. Wenn wir nun die Zusammensetzung der Gase in der Atmosphäre verändern wollen, braucht das sehr lange. Diese Kombination von „Aktion heute, Resultat in langer Zeit“ ist natürlich gerade für die Politik sehr sehr schwierig, nicht nur für den Klimaschutz. Heute basieren 95% unseres Transports auf Öl und Kohle ist immer noch die größte Ressource in der Welt, um den Energieverbrauch zu decken, auch wegen Ländern wie China und Indien. Wir sind sehr weit weg von einer Lösung und der Wandel wird viel Zeit benötigen. Wir denken viel zu wenig über unseren Energieverbrauch nach: Die Energie ist da, also nutzen wir sie.

Wie lässt sich dieses Energiebewusstsein am besten verändern?

Hier passiert mehr und mehr: Bildung und Information sind extrem wichtig. An vielen Schulen wird das Thema mittlerweile unterrichtet und wir entwickeln langsam ein Bewusstsein für Energie und das Klima. In vielen Regionen und Gemeinden wird mittlerweile selbst Energie produziert und lokal gesteuert. Wir bewegen uns in Richtung „Eigenverbrauch“, zumindest im lokalen und privaten Bereich. Und je mehr wir eigenständige Produzenten und Konsumenten werden, desto besser verstehen wir, dass Energie eine kostbare Ressource ist. Denn wenn ich meinen Verbrauch durch meine eigene Produktion abdecke, dann schaue ich mir meinen Verbrauch ganz genau an – und das ist der erste Schritt. Ich bin davon überzeugt, dass wir in einigen Jahrzehnten dahinkommen werden, dass unser gesamtes privates Leben, der häusliche Verbrauch und der private Transport, mit erneuerbaren Energien gemeistert werden kann. Für die große Industrie wird das bedauerlicherweise noch länger dauern.

Interview Jean Louis Etienne
Jean-Louis Étienne beim Signieren seines neuen Buches „Inventer sa vie“ auf der Messe Union Social Habitate in Straßburg Ende September.

Sie treffen viele Politiker und sind ein angesehener Experte zum Thema Klimawandel. Haben Sie das Gefühl, dass die heutige Generation der Politiker die Risiken des Klimawandels besser versteht und weiß, was zu tun ist?

Heutzutage gibt es ein großes Verständnis für und politische Maßnahmen gegen den Klimawandel, mit Ausnahme von Donald Trump vielleicht. Grundsätzlich wird aber überall daran gearbeitet, Energie einzusparen. Das hat zwar häufig auch ökonomische Gründe, aber das ist in Ordnung, denn sie bedeuten, dass sich mehr Menschen stärker engagieren. Wir Menschen brauchen diese wirtschaftlichen Treiber eben manchmal, um am besten zu funktionieren.