calendar 15.11. 2017

Leben in der Konsumgesellschaft

Wie viel konsumieren wir eigentlich so im Laufe unseres Lebens? Sind wir so beeinflusst von der heutigen Konsumgesellschaft, dass wir uns gar keine Gedanken mehr über die Anschaffung von Konsumgütern machen?

Neulich, an einem besonders verregneten Herbsttag, habe ich mir mal einen Ruck gegeben und bin frühmorgens zum Meditieren aufs Land gefahren. Zum ersten Mal. Da saßen wir dann bald zu sechst in einem DoJo (jap. Meditationsraum) im Wald und machten Zen-Meditation. Schweigend. 3 Stundern lang. Nur sitzen, Augen zu und konzentrieren. Weit weg von der Konsumgesellschaft – Nur der Regen draussen und kein Handy weit und breit. Dann zusammen essen, auch schweigend. Gereicht wurde eine Schale Vollreis mit gerösteten Zwiebeln, und eine Schale Misosuppe mit Pilzen. Das war dann ein langsames und stummes Kauen und Schlürfen. Danach säuberten wir die Schalen mit Rettichscheiben und grünem Tee und tranken sie aus. Kein Krümel des kargen Gerichts blieb zurück.

So eine Hinwendung ans Asketische kann ganz schön anstrengend sein, dachte ich beim Abschied.

Der Tag beginnt mit Spam aufräumen

Am nächsten Tag, als ich meinen Laptop startete, war es wie immer: Erstmal Spam entsorgen. Noch ein wenig meditationsbeduselt wurde mir einmal mehr bewusst, dass es beides zugleich gibt: Ein Bewusstsein für den Wert unserer knappen Ressourcen, aber auch einen erhitzten Konsum in einem Markt des Überflusses:

Im Netz werden mir „All-you-can-eat“-Events und Flatrates für unbegrenzte Up- and Downloads angeboten sowie eine Versandkostenpauschale für Lieferungen, die man jetzt gebührenfrei und ungesehen wieder zurückschicken kann. Es gab „Alles-muss-raus“-Anzeigen und Groupon-Reiseschnäppchen. Also alles, um die Konsumsucht zu stillen.

Leben in einer Wegwerfgesellschaft

 

Der Lebensstil einer Wegwerfgesellschaft

In meiner Askese-Verwirrung fing ich an zu googeln, was wir im Leben so konsumieren und stieß auf einen Film, der das sehr plastisch darstellt:

In diesem Film wird alles, was ein Deutscher in seinem Leben so verbraucht und konsumiert, auf die Wiese geschüttet. Im Wortsinn. Man ist erschüttert, wenn man das sieht oder zumindest ein wenig vor den Kopf gestoßen. Die Idee für diesen Film kommt aus England, aber der NDR hat das für die Deutschen und deren durchschnittlichen Verbrauch adaptiert.

Aus dem Film hier ein paar (gerundete) Eckwerte unseres Lebensstils: (immer Durchschnittswerte)

  • Wir konsumieren im Leben nur 8.000 Äpfel, aber 16.000 Eier.
  • Am Ende unseres Lebens haben wir mehr als 1 Mio. Liter Wasser verbraucht.
  • Wir geben 12.000 Euro für Kosmetik aus, deren Chemikalien 800 Jahre brauchen, um abgebaut zu werden.
  • 40.000 Euro werden im Leben für Kleidung ausgegeben, wobei 500 Liter Wasser für Anbau und Herstellung eines einzigen T-Shirts fällig werden.
  • Um unsere Kleidung zu waschen, verbrauchen wir 635 kg Waschmittel.
  • In unserem Leben produzieren wir 35.800 kg Müll.
  • Wir besitzen im Schnitt 9,8 Autos, mit denen wir ca. 820.000 km fahren und 44.000 Liter Benzin verbrauchen. (allerdings: Die CO2-Belastung nur einer Fernreise entspricht der Jahresbelastung durch einen PKW)
  • Im Leben verbringen wir 6,2 Jahre vor dem Fernseher. Das sind knappp 2 Stunden am Tag.

Ein Mensch verbraucht im Leben mehr als 1.000.000 Liter Wasser

Hier muss ich allerdings ergänzen:
1.) Der Film, aus dem ich hier zitiere, ist von 2008. Also alter Tobak. Beim heutigen Lebensstil hängt man nicht vor dem Fernseher, sondern im Netz. Die unter 30-jährigen sogar mehr als 2 Stunden.

2.) Egal ob TV- oder Online-Nutzung:
Beide Angaben sind mit Vorsicht zu genießen: Wer weiß denn, ob ich den Tatort wirklich anschaue oder seit einer Stunde in meiner Badewanne liege und/oder telefoniere?
Oder: Wenn man auf dem Phone seinen Standort freigibt, ist man online. Na und? Was hat das mit der aktiven Nutzung des Smartphones zu tun?

Was der Film von 2008 auch nicht sagt: Ich wüsste gerne, was heutzutage eigentlich das Hosting all der Bilder, Texte und Filme kostet, die wir so durch die Welt mailen und streamen. Wie hoch also die Energiekosten der Server sind, die all diese Daten für uns Konsumenten bereithalten.

Eine Datenflut des Massenkonsums

Nur mal so: Eines von mehr als 300 Bildern der – vielleicht? – neuen Freundin von Justin Bieber ist 77.800 mal bei Instagram gehostet. Es gibt bei Instagram aber noch viel mehr Fotos von ihr. Also schlummern dort vielleicht 10 Millionen Fotos dieser Dame,- mit nichts als der Kernaussage: Dies ist die – vielleicht? – neue Freundin von Justin Bieber. Im nächsten Jahr wird sich das Interesse verflüchtigt haben. Was bleibt, sind die Serverkosten für all die ungelöschten Kopien ein und desselben Fotos dieser Frau. Und Einkommen bringt das nicht.

Das gilt auch für Millionen von Selfies und Erklärvideos dafür, wie man eine Tube aufmacht. Und für all die gelikten und geposteten millionenfachen Kopien des einen ersten Katzenvideos. Und alle brauchen Strom, um verfügbar zu sein.

Könnten die Unternehmen nicht in eigenem Interesse sagen: „Am 1. November ist wieder der große Löschtag! Alles muss weg. Wir brauchen Platz für Neues. Für jede 100 MB, die wir auf Deinem privaten Account löschen dürfen, gibts 1 Euro als Belohnung.“ ? Ich würde mitmachen, müsste aber noch viele Artikel in die Cloud stellen, damit ich meinen einen Euro kriege.

Der Film mit dem Titel „So viel lebst Du“ zeigt also auf spektakuläre Weise: Wir kommen nackt und mit leerem Magen auf die Welt und durchschnitlich 79,2 Jahre später verlassen wir sie wieder mit nichts als einem letzten Hemd auf dem Leib. Dazwischen liegt ein zum Teil skurriler Verbrauch an Dingen, die für uns hergestellt werden, um unseren Hunger nach Kalorien, vor allem aber nach Abwechslung zu stillen. Der Philosoph Richard David Precht sagt in dem Film: „Wir dehnen unser ICH in die Dinge hinein, aber wenn wir sie besitzen, beginnen sie uns zu langweilen.“

Kein nachhaltiger Lebensstil

 

Kein gerade nachhaltiger Lebensstil…

Tatsächlich stehen uns dafür heute mehr Möglichkeiten zur Verfügung als je zuvor. Deswegen haben ja alle, die uns Gebrauchsgüter, wie Möbel, Koffer, Mäntel und Ferienhäuser für den Rest des Lebens anbieten, immense Absatzprobleme: Es wird angeschafft, was zu einem passt. Aber wenn das ICH mal wieder neu formatiert werden soll, dann wird der Dachboden des alten Lebens komplett entrümpelt.

Für viele ist es deshalb kein Problem, sich immer wieder neu und preiswert einzudecken: Der nächste Trend kommt bestimmt und auch mit kleinem Budget kann man wieder dabei sein. Den Herstellern dieser Gegenstände, dieser „Kurzwaren“ ist es recht: Das neue Smartphone ist schon in der Pipeline und über die Modefarbe des nächsten Sommers wird schon gestritten.

Der jährliche Energieverbrauch eines Tansanas liegt bei knapp 1,5 % vom Verbrauch eines Europäers

Gerechterweise muss man aber auch sagen, dass gerade technische Gebrauchsgüter eine sehr geringe Halbwertzeit haben: Es ist unmöglich, heute noch auf einem PC von 1995 zu arbeiten, außer, man nutzt den Monitor nur als Beleuchtung.

Als ich den Laptop zuklappte, dachte ich mir: Auch für mich ist Askese und totaler Konsumverzicht kein Ding. Aber ab und zu mal sitzen und nachdenken schadet nichts. Zum Beispiel darüber, dass der jährliche Eigenverbauch an Energie bei einem Bewohner Tansanias 95 kWh ausmacht. Und bei einem Europäer 5.836 kWh.

Mit besten Grüßen,
Ihr Outsider