calendar 24.10. 2016

Pionier Bertrand Piccard im Interview

Bertrand Piccard ist ein Entdecker, ein Visionär und ein Weltverbesserer. Als er vor 15 Jahren begann, seine Idee, mit einem Solarflugzeug um die Welt zu fliegen, in die Tat umzusetzen, erklärten ihn viele Leute für verrückt. Das war für ihn der größte Ansporn. Pioniere sind diejenigen, die wissen: Das Unmögliche ist oftmals eben doch möglich.

15 Monate ist Bertrand Piccard mit seinem Partner André Borschberg im Solarflieger um die Welt geflogen – von Etappe zu Etappe, ohne einen Tropfen Treibstoff, mit reiner Sonnenenergie. Eine Sensation. Ganze 15 Jahre haben die beiden dafür an ihrem Traum der Weltumrundung festgehalten und viele Widerstände überwunden. Auch Rückschläge gab es einige. So wurden die 72 Meter langen Flügel von einem Schiffsbauer hergestellt, nachdem der Flugzeugbauer signalisiert hatte, dies sei nicht möglich. Aufgegeben oder gezweifelt haben sie jedoch nie. Auf dem Kongress der französischen Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau, der Union Sociale Habitate (USH), in Nantes hat INSIDEista Bertrand Piccard getroffen und konnte mit ihm über seinen Traum sprechen.

Herr Piccard, 15 Jahre haben Sie mit André Borschberg an Ihrem Projekt der Weltumrundung mit einem Solarflugzeug, der Solar Impulse 2, gefeilt. Mal ehrlich: Wie viele Menschen haben Sie in dieser Zeit für verrückt erklärt?

Eine Menge Leute. Besonders Experten der Luftfahrtbranche. Experten sind häufig in ihrem Fachgebiet besonders gut und reproduzieren häufig nur das, was sie gelernt haben. Damit verlernen sie aber, über den Tellerrand hinauszuschauen. Es fehlt ihnen häufig an Innovationsgeist und Kreativität. Für das Projekt der Weltumrundung mit einem Solarflieger brauchte es Querdenker. Leute, die an das glauben, was sie tun. Und wir haben sie gefunden – außerhalb der Luftfahrtbranche. Am Ende haben über 150 Leute an dem Projekt mitgearbeitet – Installateure, Kontrolleure, Köche, Planer, Kommunikationsexperten, Filmspezialisten, Logistiker und viele, viele mehr.

Ob „Odyssee 2001“ oder Jules Vernes‘ „In 80 Tagen um die Welt“: Was hat Sie zu dieser Idee inspiriert?

Zum einen hat das wissenschaftliche Entdeckertum natürlich Tradition in meiner Familie: Mein Großvater Auguste Piccard war der erste Mann in der Stratosphäre und mein Vater Jacques Piccard war Ozeanograph und hat den tiefsten Punkt des Ozeans berührt. Durch sie habe ich bereits in meiner Jugend viele Entdecker und Astronauten kennengelernt, die mich inspiriert haben. Während des American Space Program habe ich in den USA gelebt und mit Größen wie Wernher von Braun und Charles Lindbergh gesprochen. Sie haben mir gezeigt, wie viel einem das Leben geben kann, wenn man es erkundet und keine Risiken scheut. Schon mit 12 habe ich gespürt: Das ist das Leben, das ich führen möchte.

„Mein Großvater Auguste Piccard war der erste Mann in der Stratosphäre und mein Vater Jacques Piccard war Tiefseetaucher und hat den tiefsten Punkt des Ozeans berührt.“

Jetzt haben Sie das Unmögliche möglich gemacht und die Welt mit Sonnenenergie umrundet. Wer hat Ihnen gratuliert, von dem Sie es nicht erwartet hätten?

Der CEO eines großen Unternehmens – das ich hier nicht nennen möchte. Er wollte mit uns keine Partnerschaft eingehen, weil er nicht an uns und unser Vorhaben der Weltumrundung in Etappen geglaubt hat. Ich habe ihn kürzlich getroffen und er hat mir gesagt, was für ein Idiot er doch war, damals nicht bei uns eingestiegen zu sein. Leute, die nicht an uns geglaubt haben, mussten hinterher zugeben, dass sie unrecht hatten. Das sind Momente, die den Erfolg unseres Solarflugzeug-Projekts noch deutlicher machen.

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Nach der Atlantik-Überquerung landen die stolzen Piloten in Sevilla. Die 16. der 18 Etappen ist geschafft.

Mehr als 15 Monate hat die Weltumrundung gedauert, André Borschberg und Sie haben sich nach jeder Etappe am Steuer abgewechselt. Woran denkt man, wenn man allein im Cockpit sitzt?

Wenn ich alleine im Cockpit saß, habe ich mich gefühlt wie in einem Science Fiction Film. Das Solarflugzeug ist absolut einzigartig. Es gibt kein anderes dieser Art auf der Welt. Und es fliegt für immer ohne Treibstoff – wenn das nicht Science Fiction ist. Nur ist es eben Science Fiction in der Gegenwart – nicht in der Zukunft. Ich habe in die Sonne geschaut, meine vier silbernen Propeller betrachtet und mir gedacht ‚Das ist einfach fantastisch‘.

Gab es einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Es gab viele tolle Momente, aber ein spezieller Moment war, als ich mit Ban Ki-moon live sprechen konnte. Er war im UN-Headquarter in New York mit 175 Staatsoberhäuptern, die das Übereinkommen von Paris unterschrieben haben. Und ich konnte live mit ihm aus dem Cockpit der Solar Impulse 2 sprechen. Das war der Moment, wo ich erkannt habe: Wow, Solar Impulse 2 erreicht nun wirklich die von uns gesteckten Ziele der Weltumrundung nur mit Sonnenenergie. Und zwar nicht nur als ein Abenteuer oder ein Rekordversuch, sondern als etwas mit weitreichender Bedeutung auf die weltweiten Energieeinsparungen.

Das Medienecho auf Ihren Erfolg war riesig. Wie schätzen Sie die langfristige Wirkung ein? Beispielsweise im Hinblick auf den internationalen Flugverkehr?

Mein Ziel ist es, diese sauberen Technologien, wie die Sonnenenergie, zu fördern, damit sie auf dem Boden und im alltäglichen Leben genutzt werden können. Die Luftfahrt macht nur 5 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen aus – das ist nicht viel. Wirklich ins Gewicht fallen die 95 Prozent am Boden. Die müssen wir reduzieren – im Verkehr, beim Häuserbau oder bei industriellen Prozessen. Die Hälfte der heute anfallenden CO2-Emissionen resultieren aus ineffizienten Systemen. Wenn wir sagen, es ist nicht möglich, die CO2-Emissionen zu reduzieren, ist das schlichtweg falsch. Eigentlich müssen wir nur die alten Systeme durch die modernen, sauberen Technologien austauschen: Mit Dämmung, LED-Leuchten, Wärmezähler für den individuellen Verbrauch wie es ista macht, intelligenten Stromnetzen und Heizpumpen.

„Die Hälfte der heute anfallenden CO2-Emissionen resultieren aus ineffizienten Systemen. Wer sagt, es ist nicht möglich, die CO2-Emissionen zu reduzieren, liegt falsch.“

Kann man als Einzelner mit klimaschonendem Verhalten überhaupt etwas bewirken? Schließlich nimmt der Energieverbrauch global gesehen eher zu als ab.

Es muss mehr als das Verhalten sein. Das alleine reicht nicht. Jeder kann alles machen, aber wir brauchen saubere Technologien dafür. Die Motoren von Solar Impulse 2 sind zu 97 Prozent energieeffizient. Zum Vergleich: Ein Automotor ist zu 27 Prozent effizient. Hier sieht man genau, wo wir ansetzen müssen. Die Zukunft sollte den Elektro- und Hybridautos gelten. Häuser sollten nicht mehr mit Gas betrieben werden. Es muss einzig und alleinprofitabel für den Endverbraucher sein. Und das ist es: Ich habe das Dach meines Hauses gedämmt und eine Wärmepumpe installiert. Meine Heizkosten konnte ich auf diese Weise um ein Drittel pro Jahr senken.

Sie wollen ein Weltallianz für saubere Technologien gründen – aus wem soll sich das zusammensetzen und was ist das konkrete Ziel?

Mitglied werden kann jeder, der etwas mit sauberen Technologien zu tun hat. Die Solar Impulse Foundation mit seinen Sponsoren wird dieser Organisation all seine Dienstleistungen anbieten. Wenn du dich in diesem Umfeld bewegst – wie ista zum Beispiel – kannst du Teil dieser Vereinigung sein. Die Mitgliedschaft ist kostenlos. Ziel ist es, eine Plattorm für Kommunikation und Austausch, intern zwischen den Mitgliedern und extern mit Medien und Regierung anzubieten. Ich möchte Verbände, Start-ups und Unternehmen damit unterstützen.

Woher nehmen Sie Ihre persönliche Energie?

Aus meiner Leidenschaft für das Forschen und Entdecken der Welt. Aber auch aus dem Entdecken verschiedener Wege, Balance zu finden und in mir selbst zu ruhen. Wenn du nur in deinem Kopf lebst, wirst du sehr schnell müde. Wenn du dir deiner selbst in deinem Körper bewusst bist, hast du jede Menge Energie. Das habe ich durch Hypnosetechniken und durch viele Bücher gelernt. Auch meine Mutter hat mir viele Dinge erklärt. Sie war sehr interessiert an orientalischer Spiritualität und hat mich vieles gelehrt.

Auf dem Kongress der Union Sociale Habitate (USH), der französischen Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau, signierte Bertrand Piccard am Stand von ista sein aktuelles Buch und nahm sich Zeit für ein Interview mit INSIDEista.

Noch ein, zwei Worte zu ista?

Ich mag den Ansatz von ista, denn es ist genau das, was ich vermitteln und weitertragen möchte. ista reduziert den Energieverbrauch mit modernen Technologien, wie bspw. Solarzellen, so dass es profitabel ist und gleichzeitig die Lebensqualität verbessert. Wenn wir den Energieverbrauch eines Haushalts durch verbrauchsgerechte Abrechnungen reduzieren können, dann ist das eine Win-Win-Situation. Dasselbe gilt für LED-Leuchten, für Heizsysteme, Dämmung und elektrische Mobilität.

Bildcredit: grasundsterne, ista, Solar Impulse