calendar 26.03. 2018

Statussymbole – leasen oder kaufen?

Drei, zwei, eins, keins: Wie es so läuft ohne Auto, Plattensammlung und Büro … Das Thema „Wertbegriff“ in der heutigen Zeit von Leasing, Streaming, Sharing ist ein so großes Fass – das möchte ich in dieser Kolumne nicht wirklich aufmachen. Aber ein kleiner Überflug sei erlaubt:

Früher, als man noch Hüte trug, und die Uhr an einer Kette, da hieß es: „Mein Hut, mein Stock, mein Regenschirm.“ Die Dinge, mit denen man sich umgab, waren identitätsbildend. Selbst der Doktor – auf Hausbesuch mit seinem Lederkoffer – hatte nicht genug Geld, sich jedes Jahr einen neuen zu kaufen. Sich etwas zu kaufen bedeute damals, erstmal nachzudenken und sich dann für etwas zu entscheiden, das man sich „aneignen“ konnte, um es zum Teil und Wesen seiner selbst werden zu lassen. Tempi passati.

Werbung: Einfluss auf den Menschen

In den 90ern textete die Sparkasse dann ironisch „Mein Haus, mein Pferd, mein Sparkassenberater“ und wollte uns Kunden darauf aufmerksam machen, dass die Jagd nach Statussymbolen eine kluge Beratung erfordert, damit man sich nicht übernimmt.
Und dann kam ebay mit „Drei, Zwei, Eins … Meins“ und machte klar, dass der Jäger von heute einer ist, der wechselnden Impulsen folgt und bei ebay gute Beute machen kann.

Jäger von heute folgen wechselnden Impulsen.

Heute sind viele noch einen Schritt weiter:

Sie wollen Ballast abwerfen und sich nicht mit Dingen umgeben, deren Halbwertzeit Zweifel aufkommen lassen. Gestern hat man sich noch einen schicken Diesel gekauft, der heute als Stinker verschrien ist. Oder eben noch ein Smartphone ohne Vertrag „geschossen“, auf dem die Apps von morgen nicht mehr laufen. Also least man sich eines und schließt einen Vertrag ab.

Unternehmenswerte lassen sich nicht leasen

Und die Unternehmen? Ihre Identitätsbildung und Unternehmenswerte schreiben sie in ihrer Corporate Identity fest, aber die hat bis auf die Firmenzentrale selten etwas mit Repräsentation zu tun, sondern mit dem Markenkern und der damit verbundenen Kommunikation gegenüber Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten.

Unternehmen können heute fast alles leasen. Nicht nur den Fuhrpark, sondern – je nach Unternehmenszweck – auch den Maschinenpark für die Produktion oder gleich ein ganzes Stahlwerk.

Denn um profitabel zu arbeiten, kann es besser sein, nicht in Anlagen und Güter zu investieren, sondern sie zu leasen. Freilich muss genau nachgedacht werden, ob die geleasten Gegenstände über den gesamten Leasingzeitraum auch wirklich zum Markt, der Unternehmensstrategie und den Unternehmenswerten passen.
Ich kann mich nämlich noch gut daran erinnern, wie damals die geleaste Telefonanlage nur ein Jahr zum „Geschäftszweck“ unserer Bürogemeinschaft passte: Danach waren drei Leute abgetaucht und die Telefonanlage veraltet. Nur die Leasingraten sind uns damals geblieben.

Heute habe ich nur mein Home-Office. Aber wenn ich wieder mal einen Büroarbeitsplatz bräuchte, würde ich ihn „sharen“. In meinem Quartier werden attraktive Arbeitsplätze angeboten: Wenn man will, mit einem Post- und Telefonservice, den man monatlich zu- oder abbuchen kann.

Car-Sharing – Auto als Statussymbol

Auch Car-Sharing hat nicht nur eine große Zukunft, sondern auch eine große Vergangenheit. Bereits vor 100 Jahren konnte man sich irgendwo hinstellen, wo schon andere standen, und schon bald kam ein geräumiges Fahrzeug und nahm einen mit, zum Beispiel die „Elektrische“.
Die Car-Sharing-Anbieter von heute werden ihre Angebote ausweiten und verschiedene Fahrzeugtypen aus einer Hand anbieten: Man wählt den Cabrio-Roadster für den Ausflug ins Grüne, bringt dem Schreiner die drei antiken Stühle mit dem Kombi zur Aufarbeitung und leiht sich für die Präsentation beim Kunden was ganz Schickes – als Statussymbol –, mit dem man dann in die Tiefgarage gleitet, wo einen keiner mehr sieht. Schade, denkt man sich dann, ein Smart hätte es auch getan.

Für den Car-Sharer ist es jedenfalls überhaupt kein Problem, zu sagen: „Ein Auto? Hab ich nicht. Ich hab’ ganz viele!“

Medienkonsum

In Zeiten der Digitalisierung gilt das natürlich auch fürs Streaming: Man hat keine limitierte Plattensammlung mehr, sondern hört in seiner digitalen Mediathek, was einem aktuell gefällt. Knopfdruck genügt.

Allerdings: Beim Umgang mit Spotify, Pinterest, Netflix  & Co. besteht die Gefahr, dass man immer mehr in seiner eigenen Blase bleibt und keine Lust mehr hat, sich mal mit etwas ganz anderem auseinanderzusetzen. Der Ausdruck „Binge-Watching“ („Koma-Glotzen“) macht deutlich, dass hier schnell zuviel des Gleichen konsumiert wird, eine Art „Mediensucht“ also.

Und auch ich finde es peinlich, wenn Musik aus meiner Mediathek läuft, von der ich weder den Titel noch den Interpreten kenne. Ich würde den Mittelweg empfehlen.

Weiter leasen oder Alternative suchen?
Die Uhr tickt. Nachwerfen und Leasingperiode verlängern oder Alternative suchen?

Jäger und Sammler

Anthropolisch gesehen sind wir ja immer zugleich Jäger und Sammler.
Für den Jäger in uns ist es das Gebot der Stunde und die Lebensweise, unnötige Investitionen zu vermeiden. Man weiß ja nie, was kommt. Sich als Sammler aber auch mit ein paar Dingen zu umgeben, mit denen man sich intensiv beschäftigen will oder die einem bereits ans Herz gewachsen sind, ist nach wie vor wichtig.
Eine Taschenuhr mit Kette habe ich schon vor langer Zeit von meinem Großvater geschenkt bekommen. Und ich kenne einige Geschichten von ihm, die mit der Uhr zu tun haben.

Seit Jahren suche ich nach einer geeigneten Weste, um die Uhr auch mal stilgerecht mit nach draußen zu nehmen, damit sie noch mal was sieht von der Welt und der neuen Sharing-Ökonomie.

Jetzt kaufe ich mir eine. Und es ist mir egal, was die Leute sagen, wenn sie mich mit meiner Uhr und der Weste sehen, während ich in die Zeit meines Großvaters eintauche.

Mit teilenden Grüßen

Ihr Outsider