calendar 19.12. 2016

Temperatur und Emotion

„Die wirkungsvollste Energiequelle un­seres Lebens ist und bleibt die menschliche Wärme“, sagt der österreichische Dichter Ernst Ferstl – und macht damit klar: Wärme ist nicht nur technisch messbare Temperatur. Sondern auch Emotion. Wir sprechen vom warmen Betriebsklima und der Herzenswärme, wir werden warm mit etwas oder richten uns mit warmen Farben ein. Wie entstehen diese verschiedenen Aspekte von Wärme, was bedeuten sie?

Herzenswärme gibt es eigentlich gar nicht, streng wissenschaftlich betrachtet. Helmut Wicht, Biologe und Anatomie-Dozent an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, stellt klar: Emotionen finden im Gehirn statt und nicht im Herzmuskel. Genauer: im Nucleus accumbens, dem Belohnungs- und Verstärkungssystem unseres Gehirns. Hier entsteht Glücksgefühl. Und: Auch die Vorstellung, wir sähen mit unseren Augen, ist nicht ganz korrekt. Denn zur Wahrnehmung unserer Umgebung benötigen wir neben unserem Sehorgan vor allem unser Gehirn. Erst im Gehirn wird zum Beispiel Farbe erkannt und mit Bedeutung aufgeladen – also etwa als warm oder kalt empfunden.

Farben und ihre Wirkung

Vom warmen bis zum kalten Spektrum: Farben haben Einfluss auf Stimmung, Gefühl und Wärmeempfinden.
Rot

x00_waerme_icons_rotaktiviert den Blutdruck und lässt es warm werden – Ein­richtungsberater empfehlen, sparsam Akzente zu setzen.

Orange

x00_waerme_icon_orangegilt in der Psychologie als stimmungsaufhellend und stimulierend.

Gelb

x00_waerme_icon_gelbwirkt ebenfalls anregend und eignet sich gut für Ess­zimmer und Wohnräume.

Lila

x00_waerme_icons_lilasteht für Spiritualität oder das Mystische. Für Gläubige ist es die Farbe der Besinnung, Buße, Einkehr und Umkehr.

Blau

x00_waerme_icons_blauwirkt als kühle Farbe beruhigend, kann aber empfindliche Menschen tatsächlich frösteln lassen.

Grün

x00_waerme_icons_gruenfördert die Konzentration, sofern es nicht zu gelbstichig ist.

 

Muskeln als Wärmespender

Soviel zum Gehirn. Weitere Wärmeprozesse finden auch noch woanders im Körper statt. So geben etwa unsere Muskeln rund zwei Drittel ihrer Energie als Wärme an den Körper ab. Interessant ist dabei: Weil der weibliche Körper über weniger Muskeln verfügt als der männliche, frieren Frauen schneller als Männer. Und sie kriegen auch eher kalte Füße. Denn der Orga­­­nis­mus will die inneren Organe im Bauchraum immer auf einer Betriebstemperatur von 37 Grad halten und zieht deshalb – wenn es kalt wird – das Blut aus den Armen und Beinen in die Körpermitte ab. Deshalb sollte der Pyjama bei Frauen Arme und Beine bedecken, während den Männern oft ein ärmelloses Hemd mit kurzer Hose reicht.

Nicht immer braucht es 20°C

Grundsätzlich aber gilt: Lieber warme Socken anziehen und eine Zusatzdecke auf das Bett legen, als das Schlafzimmer zu stark zu heizen. Laut Umweltbundesamt reichen 17 Grad für Schlafräume aus.

Lieber warme Socken als aufgedrehte Heizung

Die Küche muss nicht wärmer als 18 Grad sein. Im Wohnzimmer ist Behaglichkeit angesagt, also auf jeden Fall 20 Grad. „Jedes Grad Raumtemperatur mehr verteuert die Heizkostenrechnung“, gibt das Amt zu bedenken. In Büros, wo die Menschen den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen und sich wenig bewegen, darf es aber 21 bis 22 Grad haben.

Zimt duftet und wärmt

Doch was, wenn die äußerliche Heizung nicht ausreicht? Schneematsch auf den Straßen, schlechte Stimmung? Dann gilt es, die körperei­gene Heizung aufzudrehen. Die sitzt im Bauch. Konkret: Beim Verdauen des Essens entsteht Wärme, weil der Körper für die Verarbeitung der Nährstoffe Energie aufwendet. Postprandiale Thermogenese heißt das in der Fachsprache. Diesen Vorgang kann der Mensch pushen. Etwa mit Gewürzen von Anis bis Zimt. Man weiß: Nelken und Kardamom, Vanille und Kümmel, Ingwer und Chili beeinflussen thermogenetische Vorgänge, indem sie bestimmte Hormone aktivieren und auf die Durchblutung einwirken. Kein Wunder also, dass solche Gewürze bei kälterem Wetter­ häufig auf den Tisch kommen.

Feine Fasern

Auch die Bekleidungsindustrie spendet Wärme: Zunehmend entwickelt sie leichte, praktische Funktionsfasern, die den Wärmehaushalt des Körpers unterstützen. Mussten sich die Menschen früher in schwere Pelze hüllen, schlüpfen sie heute in Poly­ester und Polypropylen. Fleece-Pullis, ursprünglich für Outdoor-Aktivisten gedacht, halten auch Stubenhocker warm.

Alpakawolle wärmt bis zu fünfmal stärker als klassische Schafwolle

Wer es lieber natürlich mag, greift zum Daunenmantel, ­­­zu Wolle und Seide. Dabei gehören kratzige, sackartige Wollpullis längst der Vergangenheit an. Feine Materialien wie Merino und Alpaka lassen sich zu eleganten Strickkleidern verarbeiten. Alpaka­wolle wärmt bis zu fünfmal stärker als klassische Schafwolle, obwohl sie sehr viel leichter und weicher ist. Ihre Faser enthält mikros­kopisch kleine Lufttaschen, so isoliert sie hervorragend.

Für jede Temperatur die richtige Faser

Seide

x00_waerme_icon_seideSeide ist der Stoff erster Wahl für alle, die zu viel schwitzen – und zu viel frieren. Keine Faser ist so temperaturausgleichend wie sie. Auch den Glanz der Seide werden industriell gefertigte Fasern nie erreichen.

Pelz

x00_waerme_icon_pelzVom eleganten Nerz über den königlichen Hermelin bis zum robusten Nutria – Pelz wärmt die Menschen seit Jahrtausenden. Dagegen sprechen die äußerst bedenklichen Aspekte des Tierschutzes. Außerdem ist Pelz im Vergleich zur modernen Hightech-Jacke schwer und teuer.

Daunen

x00_waerme_icons_daunenWer sich gern mit fremden Federn wärmt, greift zum klassischen Daunenmantel. Eine buchstäblich federleichte Alternative zur schweren Wolle und zum Pelz.

Baumwolle

x00_waerme_icons_baumwolleDer Zusatz „Wolle“ soll nicht täuschen – Baumwolle ist ein kühles Material. Sie eignet sich daher gut als Sommer­bekleidung.

Fleece

x00_waerme_icons_fleeceFleece oder Faserpelz ist ein Veloursstoff aus Polyester. Der Stoff wurde erstmals 1979 vorgestellt und eignet sich wegen seiner guten Wärmeeigenschaften vor allem für den Outdoorsport. Er kratzt nicht auf der Haut wie Schurwolle und ist außerdem leichter.

Leinen

x00_waerme_icons_leinenWer noch im Winter schwitzt, kleidet sich in Leinenhosen und -hemden. Diese Faser wärmt fast gar nicht. Zudem ist sie strapazierfähig.

Wolle

x00_waerme_icon_wolleWolle wärmt sogar noch, wenn sie feucht geworden ist. Wer keine kratzige Schafwolle auf der Haut mag, greift zu feiner Merino- oder Angorawolle. Die Wolle des kamelartigen Alpakas ist besonders leicht.

Wer auf diese Weise das innere Wärmekraftwerk aktiviert, braucht die Heizung ­vielleicht wirklich nicht mehr ganz so weit aufzudrehen. Thema Klimawandel: Die Diskussion um die globale Erderwärmung ist in den westlichen Industrienationen eng mit den Themen Energieverbrauch verknüpft. Die Nutzung erneuerbarer Energien soll helfen, die Erderwärmung zumindest zu verringern. Dabei ist die Meinung der Experten strittig. ­2009 gründete der britische Politiker Nigel Lawson die Global Warming Policy Foundation (GWPF), die an der ­Bedeutung des menschlichen Einflusses auf den Klimawandel zweifelt. Mehr Sachlichkeit und ­weniger Schreckensszenarien, dafür plädiert die GWPF. Während Wissenschaftler streiten, bleibt für den Normalverbraucher die Rückbesinnung auf die Poesie: Ernst Ferstls Dichterwort von der menschlichen Wärme als wirkungsvollste Energiequelle.