Warum Agilität die Arbeit revolutioniert

10.05.2017

Sie wissen nicht, wie Sie Ihre Mitarbeiter motivieren und fördern können? Sie als Arbeitnehmer haben keine Lust mehr, stupide vor sich hinzuarbeiten und empfinden hierarchische Arbeitsstrukturen als wenig kreativ? Ihnen fehlt einfach die Freude beim Arbeiten? Antworten darauf gab es beim Barcamp des AGILE.RUHR Camp. Denn hier waren Arbeitgeber und Arbeitnehmer gefragt und konnten selbst entscheiden, welche Themen endlich mal zu Wort kommen sollen.

165 Menschen treffen sich am Samstagmorgen im Unperfekthaus in Essen, um ein Barcamp zu veranstalten. Alle neugierig, alle motiviert. Denn niemand weiß so genau, was passieren wird. Selbst die Organisatoren der Veranstaltung nicht. Denn genau das ist das Besondere eines Barcamps: Es ist komplett selbstorganisiert. Es ist das Gegenteil einer Konferenz, eine sogenannte „Un-Konferenz“. Die Teilnehmer treffen sich, ohne vorab eine Agenda zu kennen. Das Sessionboard ist noch leer. Es dauert aber nicht lange, bis es sich füllt. Mit bunten Karteikärtchen, die Themen und Schlagworte bündeln – aus diesem Mindmap der Teilnehmer entsteht der gesamte Tagesablauf. Jeder positioniert in den Sessions persönliche Themen, Bedürfnisse, Fragen sowie Herausforderungen und hofft, dass in der großen Anzahl der Leute, Menschen dabei sind, die ähnliche Schwierigkeiten oder vielleicht sogar einen Lösungsansatz haben. Das Schöne? Jede Person, die etwas zu sagen oder zu fragen hat, bekommt den Raum dafür. In den Themencamps, die sich über die beiden Tage verteilen, entstehen offene Diskussionen, ein Thema wird in den Raum geworfen und dann wird diskutiert – offen, ehrlich, angeregt und mit dem Wunsch nach Veränderung und Mitarbeiterzufriedenheit.

Alles, aber bitte nicht stehen bleiben!

Worauf es bei Agilität in erster Linie ankommt? Nicht stehen zu bleiben, sondern zu lernen, sich an die Umwelt anzupassen und weiterzuentwickeln. Reflektieren Sie eigentlich als Arbeitnehmer kontinuierlich ihre eigenen Arbeitsweisen? Stellen Sie sich diese Fragen: Wo stehe ich? Was sind Optionen? Wo möchte ich hingehen? Nein? Das sollten Sie aber! Denn ein kritischer Blick auf das Hier und Jetzt führt zu einer Optimierung der Produkte, die Sie tagtäglich schaffen. Messen Sie als Arbeitgeber die Mitarbeiterzufriedenheit? Ein modernes Menschenbild und Mitarbeiterbindung sind wesentliche Aspekte von agiler Führung: Wie möchte man miteinander umgehen? Was motiviert Menschen? Was kann man für das Betriebsklima tun? Wie kann ich den Mitarbeiter „Typ Einzelgänger“ vielleicht dazu inspirieren, im Team zu arbeiten, sich neuen Herausforderungen zu stellen? Ein reger Wissensaustausch zu diesen Fragen fand in den einzelnen Sessions Platz. Dabei wurde zu Themen wie „Agilität & Ich“, „agiles Familienmanagement“, „Entspanntes Arbeiten“, „Das agile Personalmanagement“, „Agilität & Identität“ oder „Wie fühlt sich diese Selbstorganisation an?“ diskutiert. Arbeitgeber konnten etwas über erfolgsrelevante Personalstrategien lernen, Arbeitnehmer positive Faktoren agiler Arbeit kennenlernen oder ausbauen.

„Dann kommen wir in den Job und müssen aufhören zu denken und nur noch das tun, was man uns sagt.“

Das Thema Agilität gewinnt vor allen Dingen in der Software- und IT-Branche schon seit Jahren an Relevanz: Dort, wo technische Arbeitsweisen den Fokus bilden, soll nun der Mensch und seine Persönlichkeit in den Vordergrund rücken, denn beim agilen Arbeiten geht es um Wertschätzung, Freiräume, Verantwortung und Selbstorganisation. Markus Igendahl, agiler Coach bei der Firma Colenet und einer der drei AGILE.RUHR Camp Organisatoren, erklärt, warum für ihn agile Arbeitsmethoden immer wichtiger werden: „Ein klassisches Unternehmen ist so organisiert, dass es eine Führungskraft gibt. In einem ganz traditionellen Unternehmen, einem Konzern zum Beispiel, gibt es Arbeitsbienen, die eigentlich gesagt bekommen, was sie zu tun haben – das finde ich ein bisschen absurd. Wir laufen durch die Schullaufbahn, in der jeder für sich selbst lernen muss. Wir laufen vielleicht noch durch ein Studium, wo wir auch selbstorganisiert sind. Dann kommen wir in den Job und müssen aufhören zu denken und nur noch das tun, was man uns sagt. Ich glaube, dass jede Branche, die so arbeitet, ein großes Potenzial verschwendet. Diese hierarchische Aufstellung gilt hier in Deutschland für sehr viele Bereiche und Branchen.“ Genau deshalb hat sich vermutlich die Teilnehmerzahl im Vergleich zum letzten Jahr fast verdoppelt. Nicht nur diese positive Entwicklung stellt die Organisatoren sehr zufrieden, sondern auch die Tatsache, dass beim AGILE.RUHR Camp viele Menschen das erste Mal mit Agilität in Berührung kommen.

Mitarbeiterzufriedenheit steigern

Der moderne Arbeitgeber von heute weiß, worauf es ankommt: Entwicklung von Personal und Menschen. Horst Stoffner, Geschäftsführer des Unternehmens Prosoz, und Andreas Geitner, Führungskraft und Scrum Master bei dem Unternehmen Opitz Consulting, nehmen am AGILE.RUHR Camp teil, weil sie die erfolgskritische Aufgabe darin sehen, Persönlichkeitsentwicklung im Unternehmen zu fokussieren. Horst Stoffner erklärt: „Ich finde es interessant, dass Leute sich an einem Samstag und Sonntag mit Agilität beschäftigen möchten und dieses Thema zu ihrem Thema machen. Wir führen Agilität seit fünf Jahren im Unternehmen und für mich ist das Barcamp eine tolle Plattform, um sich auszutauschen. Etwa zwölf meiner Mitarbeiter nehmen hier teil und sollen als mögliche Multiplikatoren das Thema im Unternehmen mittragen.“ Auch Andreas Geitner sieht den empathischen Gesichtspunkt und rückt den Menschen in den Mittelpunkt und nicht die Technik, um die es sich in einem IT-Umfeld immer dreht.

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Die Barcamp-Teilnehmer Alexander Gülich, Christiane Mehling, Jirka Opalka Horst Stoffner und Andreas Geitner konnten interessanten Input und spannende Kontakte beim AGILE.RUHR Camp sammeln.

Das Barcamp – ein reger Austausch

Christiane Mehling, Produktmangerin bei einem TV-Sender, freut sich beim AGILE.RUHR Camp über den Input der anderen Teilnehmer: „Unser Unternehmen bahnt sich gerade den Weg in die Agilität und ich bin überrascht, wie viel wir schon im Unternehmen von diesen Dingen hier erreicht haben, aber auf der anderen Seite noch lernen müssen. Das ist davon abhängig, mit welchen Menschen man in den Sessions sitzt und welche Erfahrungen diese haben – das macht das Agile aus: Man ist nie mit einem Thema fertig. Wenn man denkt, man beherrscht etwas, dann geht’s woanders weiter. Agilität finde ich für das Produkt, das wir bauen, für das Arbeitsklima und für mehr Arbeitszufriedenheit sehr wichtig.“ Auch andere Teilnehmer erhoffen sich Antworten auf Problemstellungen, die sie in Sessions positionieren können, spannende Kontakte und Inspiration – so wie auch Jirka Opalka, die in ihrem Unternehmen im Team für agile Kultur arbeitet: „Die Arbeitsweise macht mehr Spaß und man hat mehr Möglichkeiten, weil es eben nicht dieses ‚Vor dem PC sitzen und die Aufgaben runterrattern’ ist. Es ist Kontakt und Austausch, man kann überall Ideen einbringen. Auch wenn ich neu im Thema bin, bin ich ein wertvolles Bindeglied im Team.“ Beim AGILE.RUHR Camp konnte sie etwas über das Thema „Feedback-Kultur im Unternehmen“ lernen, die sie direkt einführen möchte: Von nun an haben alle Mitarbeiter in ihrem Unternehmen einmal wöchentlich eine Stunde lang keinen Termin – diese Stunde wird für eine Feedback-Runde genutzt, in der sich jeder von jedem sowohl Feedback einholen kann als auch selbst Feedback geben kann. Auch Alexander Gülich treibt bei ista als Director Agile Office Agilität im Unternehmen gerne voran:

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Im Unperfekthaus in Essen kam jeder zu Wort und konnte die einzelnen Sessions aktiv mitgestalten.

„Jeder von uns steht vor Herausforderungen, die viel mit Unsicherheit, Komplexität und Innovation zu tun haben – genau hier setzt agiles Arbeiten an und fördert die Weiterentwicklung der einzelnen Persönlichkeiten und Arbeitsprozesse.“

Auch die Organisatoren möchten zu agilen Arbeitsweisen animieren – Markus Ingendahl ist Selbstorganisation und Eigenmotivation sehr wichtig, denn er hat sehr schnell Erfolge bemerkt, sobald man ein Team dazu bekommt, eigenverantwortlich zu arbeiten. Jörg Geffert kommt es unter anderem darauf an, dass Arbeitsschritte sichtbar gemacht werden: „Auch bei einer Arbeit, bei der man nicht produziert, muss man die Arbeitsschritte sichtbar machen. Im Handwerk, wo man etwas baut, sieht man sehr schnell etwas, aber in der Softwareentwicklung passiert sehr viel im Hintergrund. Darüber muss geredet werden. Man muss lernen, Verantwortung zu übernehmen.“ Bei dem Format „Barcamp“ ist genau das möglich: Die Menschen übernehmen Verantwortung, indem sie die Themenschwerpunkte einfordern, die sie interessieren und über die sie sich in einem kritischen und inspirierenden Dialog austauschen möchten.