calendar 26.09. 2017

Warum keiner so richtig transparent sein will

Unternehmen wollen offen, ehrlich und durchlässig sein. Aber nur innerhalb gewisser Grenzen. Und wir Privatmenschen auch. Für den Wunsch nach mehr Transparenz wird es Gründe geben. Ich glaube sogar, dass sie aus dem gleichen Umfeld kommen. Das ist die steile These dieses Artikels.

Transparenz wird großgeschrieben

Es gibt ja dauernd Apelle, sich zu verändern und dabei besser zu werden. Manche Konzerne appelieren auch an sich selbst, wenn mal wieder was völlig schief gelaufen ist. Dann kommt der Ruf nach ganz viel Transparenz und Durchschaubarkeit. Fakten sollen öffentlich gemacht werden.
Der frühere Fifa-Präsident Josef Blatter sagte „Transparenz soll in Zukunft großgeschrieben werden.“ Dann trat er zurück und ward nicht mehr gesehen. Wer genau diesen Satz in die Suchzeile seines Browsers eingibt, erfährt, dass Herr Blatter mit diesem Claim nicht allein geblieben ist.
Die Suchergebnisse im Browser zeigen: Wenn gefordert wird, Transparenz zu schaffen, dann geht es zumeist um die Markttransparenz und um den Wunsch, durch mehr Transparenz künftig Schaden und Übervorteilung von Marktteilnehmern oder gar der Volkswirtschaft abzuwenden.
Wenn aber dort vor Transparenz gewarnt wird, dann geht es um den gläsernen Bürger und den Wunsch, dass die Daten, die man „always online“ so verstreut, nicht missbraucht werden. Das ist dann die Verhaltenstransparenz.
Und da haben wir den Salat: Es gibt also mehrere Konnotationen von Transparenz.

Transparenz

 Weniger Transparenz aktiviert die Vorstellungskraft

Der Physiker aber wird zur Transparenz ganz trocken sagen: „Wenn alles transparent ist, dann gibt’s nichts mehr zu sehen!“
Hier würde ich gerne einsteigen und zeigen, dass beides, die Forderung nach mehr und die Warnung vor zuviel Transparenz, einen gemeinsamen Nenner haben. Und dass der Physiker recht hat.

Authentizität

Der Paar- oder Verhaltenstherapeut wird von zuviel Transparenz dringend abraten:
Transparent kann eine Maschine sein. Aber ein authentischer Mensch hat Ecken und Kanten, und er braucht ein Refugium, in dem er seine kleinen Geheimnisse bewahrt. Wir ziehen Gardinen vor unser Innerstes und schützen es vor Durchleuchtung. Daran ist nichts Anrüchiges. Im Gegenteil: Gerade dieses Verhalten übt auf Partner und Freunde eine Anziehungskraft aus. Es aktiviert ihre Vorstellungskraft, und das ist für alle Beteiligten ein intensiverer Genuss, als wenn wir alle Gardinen fallen lassen und es nichts mehr zu entdecken und enträtseln gibt.
Hinter den Gardinen passiert eben so einiges. Gäbe es keine Gardinen, würde die ganze Filmindustrie zusammenbrechen, und der Literaturbetrieb sowieso.
Wir alle wären stattdessen nur noch berechenbar und würden auch bald nicht mehr als Individuum betrachtet, sondern wären nur noch ein Zahlenwert in einer -im besten Fall- vernunftgetriebenen Recherche.

Sich von der Konkurrenz abheben

Wie der Physiker schon sagt: Je transparenter wir uns machen, desto unsichtbarer (also uninteressanter) werden wir.
Transparenz ist also gut, aber nur unter Wahrung der individuellen Anonymität.
Und bei Unternehmen? Ich glaube, da ist es ähnlich.
Meine Wohnung grenzt zum Beispiel an eine Straße, auf der sich 4 Frisöre niedergelassen haben. Das Geschäftsmodell eines Frisörs wird der Notar schnell hinschreiben können und dennoch wird jeder von ihnen ein klitzekleines Geheimnis haben, das ihm ein paar treue Kunden sichert und ihn von seinem Mitbewerber 100 Meter weiter unterscheidet.
Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt man. Ja, stimmt. Aber nur, wenn es Unterschiede gibt.
Hinter den Gardinen muss es also kleine Geheimnisse geben. Kleine Anreize zum Verweilen. Einen Kaffee zur Dauerwelle zum Beispiel oder erlesene Magazine zum Blättern. Oder die neuesten Geschichten aus dem Quartier von einem, der es nun wirklich wissen muss.

Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse

Besonders große Unternehmen sollten im Rahmen ihrer CR transparent sein. Aber auch sie wollen ihr Geschäftsmodell nicht offenkundig zum Kopieren ins Internet stellen und lieber eine Gardine um Forschung und Entwicklung und die hauseigene Strategie ziehen. Denn sonst degenerieren sie zu einer Nummer im Handelsregister und den Kennzahlen, die sie sowieso veröffentlichen müssen.
Unternehmen müssen sich dauernd verändern, um besser zu werden. Ob das am Ende klappt, wissen sie am Anfang vielleicht noch gar nicht. Da hilft es wenig, wenn alles offengelegt werden muss, was man gerade ausprobiert.

Veränderung zum Besseren?

Auch an uns gibt es dauernd Apelle, sich zu verändern und dabei besser zu werden.
Dabei wird vergessen, dass sich zwar manche verändern wollen, manche aber nicht: Sie sind zu alt. Biologisch oder mental. Oder sie haben wichtigeres zu tun. Oder sie sind überzeugte Konservierer ihrer Macken. Das hat dann wieder was mit den Gardinen zu tun. Ich glaube, es läuft auf 50 zu 50 hinaus. Und außerdem ist es oft strittig, was denn nun wirklich eine Veränderung zum Besseren ist.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Auf der Straße stehend habe ich einmal der Einweihung eines Premium-Bürogebäudes beigewohnt. Die Belegschaft zog von einer grauen Nachkriegsarchitektur in einen funkelnden Neubau in 1A-Lage. Ich hörte Musik aus einer der Etagen. Da war wohl am meisten los. Die Schlager, zu denen man dort tanzte, kontrastierten dermaßen mit der kecken und futuristischen Architektur ihres neuen Gebäudes, dass ich mir gedacht habe: Der Mensch verändert sich und seine Gewohnheiten eben NICHT. Jedenfalls nicht so schnell wie der Bauherr dieser Architektur es uns glauben machen will.
Hier jedenfalls mochten sie es eher heimelig. Und hier feierten sie gut gelaunt hinter ihrer neuen Stahl-Glas-Fassade und legten Schlager auf. Die kamen noch aus einer ganz anderen Zeit.

Wollen wir Gewohnheiten ablegen?

Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier. Da muss man dicke Bretter bohren, wenn man will, dass er sich ändert. Und wird am Ende vielleicht dennoch scheitern:
Wir geben uns zum Beispiel beim Gesundheits-Check ein wenig preis und hören dann: „Super Blutbild, aber lassen sie langsam mal die Finger vom Kaffee!“ Viele werden diesen Vorsatz beherzigen, aber dem klassischen und routinierten Kaffeehaustrinker zerstört es sein Selbstbild: Er hat sich hier eingerichtet, pflegt seine Kontakte, lässt den Blick schweifen.
Und jetzt Kamillentee? Er wird die Warnung ignorieren.

ista macht über unterjährige Auswertungen unser Heizverhalten und unseren Warmwasserverbrauch transparent.
Hier winkt die Möglichkeit, Geld zu sparen, wenn ich weniger Energie verbrauche.
Aber ich zum Beispiel dusche gerne warm und lange. Warum? Weil ich dann die besten Einfälle habe. Gut, nicht immer. Es gibt Aussetzer. Aber das weiss ich ja vorher nicht und deshalb dusche ich dann besonders lange. Weil ja vielleicht noch eine Idee kommt. Ich werde das nicht ändern, glaube ich – das ist die Macht der Gewohnheit.

Mein Nachbar ist ein alter Chauvi. Den hat seine Frau gebeten, zum Rauchen nach draußen zu gehen. Er macht aber nur das Fenster auf und raucht da hinaus. Nun haben sie also beides: Heizung an und Fenster auf. Dafür aber keine Krise in der Beziehung.

Transparenz vermeiden

Und wie viel Transparenz ist nun angebracht?

Ich würde sagen: Markttransparenz ist sinnvoll, solange sie nicht dazu führt, dass Unternehmen sich restlos einer Durchleuchtung ausliefern müssen.
Verhaltenstransparenz ist sinnvoll, solange wir unsere Neurosen pflegen dürfen und nicht zu gläsernen Menschen werden.
Es sollte immer kleine Geheimnisse hinter der Gardine geben. Dahinter können wir uns heimlich verändern … oder eben auch nicht.

Mit transparenten Grüßen

Ihr Outsider