calendar 13.04. 2017

Was Ablesedienste wirklich leisten

Die Heizkostenabrechnung hilft Millionen Haushalten beim Energiesparen. Trotzdem werden Ablesefirmen wie ista als „Abzocker“ kritisiert. Warum eigentlich?

Ende März. Der Ableser der Firma ista steht vor einem typischen Mehrfamilienhaus. Zehn Mietparteien auf fünf Etagen, Baujahr 1960. In Deutschland findet man solche Gebäude an jeder Straßenecke. Über 3 Millionen Mehrfamilienhäuser sind es insgesamt, in ihnen leben hierzulande mehr als 18 Millionen Mieter. Sie alle erhalten einmal im Jahr eine Nebenkostenabrechnung. Darin sind alle allgemeinen Kosten aufgeführt, die sich die Hausbewohner untereinander teilen, z.B. für die Müllabfuhr, den Aufzug oder den Hausmeister.

Mit dabei sind auch die Heizkosten. Diese werden aber nicht einfach durch alle Parteien geteilt, sondern für jede Wohnung einzeln berechnet. Wichtig ist, dass jeder Mieter seine eigene Heizungsabrechnung bekommt, dazu ist der Vermieter gesetzlich verpflichtet. Denn seit Anfang der 80er-Jahre soll jeder Mieter in Deutschland genau sehen können, was er an Heizenergie verbraucht und auch nur dafür bezahlen. Oder anders gesagt: Niemand soll für seinen Nachbarn mitbezahlen, denn das gäbe nur Streit und niemand würde auf den eigenen Verbrauch achten, wenn er die Kosten nicht alleine tragen müsste.

Und weil das so ist, muss der Ableser jetzt ins Haus hinein. Er klingelt beim Hausmeister, niemand öffnet. Er klingelt ein zweites Mal, dann summt die Sprechanlage und die Tür geht auf. Der Hausmeister sagt: „Ah, da sind Sie ja.“

Ableser
Der Ableser muss ins Haus – im direkten Kontakt können so eventuelle Fragen schnell und unkompliziert beantwortet werden.

Rückzahlung oder Nachzahlung an Heizkosten

Der Ableser hat Glück. Alle zehn Mieter sind zu Hause. Darunter ein Rentnerpaar, eine Mutter mit Kind und ein Single, der extra Home Office macht, weil der Ableser kommt – ein Querschnitt durch die Bevölkerung. In den Wohnungen hängen an jedem Heizkörper kleine weiße Geräte, die Heizkostenverteiler – und genau um die geht es. Der Ableser liest die Verbrauchswerte mit einem elektronischen Gerät ab. Eine Mieterin sagt, dass sie im letzten Jahr eine Heizkosten-Rückzahlung erhalten habe und hoffe, dass das in diesem Jahr wieder klappe. Ein anderer sagt, er habe nachzahlen müssen und sich deshalb geärgert. Das könne er verstehen, sagt der Ableser. „Aber deswegen komme ich ja. Wir messen, damit Sie Transparenz über den Energieverbrauch haben und genau sehen, was Sie verbessern können. Wenn Sie mehr zahlen müssen, haben wir nichts davon.“

Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund findet das „unanständig“. In der ARD-Sendung „Plusminus“ sagt er: „Wenn ein Unternehmen tatsächlich 40 Prozent Rendite erzielt am Markt mit einem relativ schlichten Angebot, nämlich: ‚Wir messen den Verbrauch an Energie‘, dann ist das schlicht und ergreifend unanständig.“

Der Ableser hat die Sendung gesehen. Die Sache mit der Rendite sei anders als viele denken. Eine Marge vor Steuern und Abzug der Investitionen sei nicht gleich Gewinn. Das könne der ista-Chef aber besser erklären als er. Dass das Angebot „schlicht“ sei, finde er aber keineswegs.

Ist das Ablesen des Wärme- und Warmwasserverbrauchs wirklich zu teuer?

Fakt ist: Die Mieter zahlen bei ista zwischen 50 bis 100 Euro pro Jahr für das Gesamtpaket, von den Geräten über das Ablesen bis hin zur individuellen Abrechnung. Das entspricht in etwa dem Preis einer Handwerkerstunde in Deutschland. Darum dreht sich die Diskussion, die unter der Schlagzeile „Abzocke“ geführt wird.

Der Ableser holt tief Luft: Viele Menschen würden unterschätzen, wie aufwendig der gesamte Prozess bis hin zur fertigen Heizkostenabrechnung sei. Er steht auf dem Treppenabsatz im Hausflur und hält den Daumen in die Höhe. Erstens müssten die Geräte produziert werden, das koste. Vor allem, weil immer mehr digitale Technik in ihnen stecke. Ein Smartphone sei auch teurer als ein Festnetztelefon. Zweitens müssten die Geräte in den Wohnungen montiert und später gewartet werden. Das sei eine echte Handwerkerleistung, die jemand wie er machen müsse, der sich eben richtig auskenne. Allein in Deutschland gebe es über 3.000 verschiedene Typen von Heizungen. Zudem eine ganze Reihe von Normen, die für eine akkurate Messung erfüllt werden müssen.

Drittens müsse exakt abgelesen werden – ob per Hand oder digital. Nur so könne aus der Gesamtrechnung, die der Vermieter für das gesamte Haus vom Energieversorger bekommt, der tatsächliche Verbrauch für jeden einzelnen Haushalt ermittelt werden. Am Ende stehe dann die Heizkostenabrechnung für jede Wohnung. In vielen Fällen ist auch eine Verbrauchsanalyse mit dabei. Der Mieter weiß dann genau, wie sich seine Heizkosten entwickelt haben, z.B. im Vergleich zum Vorjahr oder auch zum Durchschnittsverbrauch der Nachbarn. Mal eben so sei das alles nicht gemacht, sagt der Ableser, da stecke viel Arbeit und Technik dahinter, die man auf den ersten Blick gar nicht sehe.

Heizkosten
Von der Produktion über die Montage und Wartung sowie die exakte Ablesung bis zur transparenten Abrechnung – das komplexe Gesamtpaket wird von vielen unterschätzt.

Mit der Heizkostenabrechnung sinkt die „Warmmiete“

Eine Frau Mitte sechzig kommt durch den Flur, sie trägt Einkaufstaschen bei sich. Sie fragt in die Runde, warum denn der Ableser überhaupt noch komme, heute gehe doch alles über das Internet. Da habe sie Recht, antwortet der Ableser. „Mit Funk geht alles leichter. Beauftragen muss uns aber Ihr Vermieter, am besten sprechen Sie ihn direkt darauf an.“

Ob es dann teurer werde, fragt die Dame. „Nein“, sagt der Ableser. „Die digitalen Geräte sind zwar etwas teurer, dafür wird der Service günstiger.“ „Da müssen Sie gut verhandeln“, ruft die Dame dem Hausmeister zu, der auf halber Treppe einen Fensterknauf repariert. Das tue er doch immer, sagt dieser und kommt die Stufen herauf. Sein Chef, der Vermieter, wolle, dass er immer mehrere Angebote von verschiedenen Anbietern einhole, das sei bei allen Nebenkosten so und daher auch bei der Heizkostenabrechnung. Außerdem sei es doch so: Je günstiger die Wärmekosten, desto attraktiver die Wohnung für die Mieter. Was sein Chef ganz sicher nicht wolle, sei Leerstand.

Tatsächlich ist die Heizkostenabrechnung für Mieter gut, weil so die „Warmmiete“ erheblich sinkt. Denn durch eine individuelle Heizkostenabrechnung haben die meisten Mieter ihren Verbrauch besser im Griff. Im Durchschnitt sparen sie so jedes Jahr 20 Prozent ihrer Wärmeenergie ein. Das zeigen Studien der EU-Kommission. Bei etwa 800 bis 1.000 Euro für Heizen und Warmwasser sind das im Jahr bis zu 200 Euro, die die Mieter in Deutschland im Schnitt am Ende des Jahres mehr im Portemonnaie haben. Und auch für die Umwelt ist das gut, weil weniger geheizt wird und somit weniger klimaschädliches CO2 in die Atmosphäre gelangt. Je mehr Transparenz Mieter über ihren Verbrauch haben desto mehr sparen sie, wie ein dreijähriges Projekt der Deutschen Energie-Agentur (dena) zeigt.

Nach einer Stunde ist der Ableser fertig. „Was machen Sie eigentlich, wenn mein Chef Funk haben will?“ fragt der Hausmeister zum Abschied. „Dann habe ich immer noch genug zu tun“, sagt der Ableser. „Geräte installieren, warten und prüfen, dass alles läuft. Aber alles ohne, in die Wohnungen hinein zu müssen.“ „Ah, gute Sache“, sagt der Hausmeister. „Aber schade, dann sehen wir uns ja gar nicht mehr.“