calendar 23.06. 2017

Wieso Trinkwasser die EU spaltet

Jeder kennt es: Gerade im Sommer kommt dem Wasser eine ganz besondere Bedeutung zu. Ob der Gang ins Schwimmbad oder der Schluck aus der Wasserflasche – der menschliche Körper, der je nach Alter zu 50 bis 70 Prozent aus Wasser besteht, sehnt sich jetzt nach dem kühlenden und Durst löschenden Nass. Aber wie „gut“ ist das Leitungswasser in Deutschland eigentlich?

Aus der Leitung, Flasche oder… ?

Können wir unser Glas Wasser aus der Flasche ersetzen und stattdessen Leitungswasser trinken? Was viele nicht wissen: Trinkwasser ist in Deutschland das am meisten, insbesondere auf Schadstoffe kontrollierte Lebensmittel überhaupt. Laut Bundesumweltamt ist die Trinkwasserqualität in Deutschland in nahezu allen Bundesländern sehr gut. Nur in Einzelfällen seien Grenzwerte leicht überschritten worden. Kein Wunder also, dass viele Durstige mithilfe von Wasserbars ihrem Wassergenuss völlig autark zuhause nachgehen. Durch den Automaten, der direkt an die Wasserleitung angeschlossen wird, hat die Familie von heute ihr Lieblingswasser jederzeit parat. Und die Vorteile liegen auf der Hand: Frisch gekühlt, Klassik, Medium oder Stilles Wasser – der Individualität sind keine Grenzen gesetzt. Keine schweren Mineralwasser-Kästen schleppen, kein Transport – und das eigene Wasser ist nahezu unbegrenzt aus dem Wasserhahn verfügbar.

In einigen Regionen sind Zweifel angebracht

Doch die Frage bleibt: Leitung oder Flasche? Viele Wassertrinker fürchten sich vor den Gefahren, die aus der Leitung lauern könnten: Keime, Pharmarückstände oder gar Bleireste und sonstige Schadstoffe, verursacht durch alte Leitungen, können die Trinkwasserqualität beeinträchtigen. „Lieber Mineralwasser aus der Flasche kaufen“, lautet die Devise für viele Menschen. Also lieber Kisten schleppen statt Leitungswasser trinken?

Nitrat im Wasser kann gefährlich sein

Ein Bericht auf Utopia.de dürfte für diesen Konsumentenkreis „Wasser auf die Mühlen“ sein: In vielen Regionen Deutschlands seien die Nitratgehalt-Grenzwerte im Trinkwasser zu hoch, in über einem Viertel der Wasserspeicher liege die Nitratkonzentration sogar über dem gesetzlichen Limit. Die Ursachen? Überdüngung, die in der Landwirtschaft oftmals vorangetrieben wird. Durch den Wasserkreislauf gelange Nitrat aus dem Grundwasser in die Wasserwerke und damit letztendlich aus dem Wasserhahn ins Glas, das der Bürger dann in der Hand halte. Äußerst bedenklich bei schwangeren Frauen, Kleinkindern und besonders Säuglingen, für die ein zu hoher Nitratgehalt schädigende Auswirkungen nach sich zieht. Der Gesetzgeber hat mit der im Juni in Kraft getretenen Düngeverordnung bereits Vorkehrungen getroffen, sodass etwaige Belastungen reduziert werden, doch Zweifel an der Trinkwasserqualität bleiben, da einfach viele Faktoren den Reinheitsgrad des Leitungswassers beeinflussen.

Zweifel an der Trinkwasserqualität bleiben, da einfach viele Faktoren den Reinheitsgrad des Leitungswassers beeinflussen.

 

Die Meinung der Experten zum Trinkwasser aus der Leitung lautet: „Die letzten Meter entscheiden“. Denn der Weg, den das Wasser im Gebäude zurücklegt, sei oft ein Problem. Vor allem in Bürogebäuden, wo sich Endlosleitungen durchs Haus ziehen, an denen immer wieder an- oder umgebaut wurde oder in Privathäusern, in denen sich die Besitzer selbst am Verlegen von Kupfer- oder Nickelrohren versuchten und Dichtungsmaterial nutzten, das eigentlich gar nicht geeignet ist.

 

Sehr hohes Gesundheitsrisiko: Legionellen im Wasser

Auch Legionellen, also Bakterien, die in Warmwassersystemen von Gebäuden auftreten können, sind ein Risiko: Schätzungen zufolge erkranken in Deutschland jährlich 15.000 bis 30.000 Menschen an Lungenentzündungen und weiteren gefährlichen Krankheitsbildern, die durch Legionellen hervorgerufen werden. Übertragen werden diese durch den Wasserdampf beim Duschen. Damit Mieter und Vermieter auf der sicheren Seite sind, bietet ista die gesetzlich vorgeschriebene Trinkwasseranalyse in Mehrfamilienhäusern an. Nicht ohne Grund: Bislang wurde in etwa 12 Prozent aller von ista untersuchten Trinkwasseranlagen eine gesundheitlich bedenkliche Konzentration an Legionellenbefall gefunden. Hier gilt also wie so oft: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

 

Die Trinkwasserverordnung: Vertrauen in heimisches Wasser, Skepsis fürs Ausland

Auch beim Trinkwasser gibt es in Deutschland eine Verordnung, die für hohe Sicherheit sorgt. Das sieht in weiteren Mitgliedstaaten Europas aber ganz anders aus: Wem im Hotelzimmer das Wasser in der Minibar zu teuer ist, sollte sich in südlichen EU-Ländern zweimal überlegen, ob es eine gute Idee ist, stattdessen auf Leitungswasser zurückzugreifen. Zum Kochen ist das Wasser in ganz Europa geeignet, doch beim Zähneputzen sollten Urlauber auf Leitungswasser verzichten und sich an Wasserflaschen halten, die industriell abgefüllt und verschlossen wurden. Der Grund: Allen EU-Mitgliedsstaaten werden zwar einheitliche und verbindliche Anforderungen an die Trinkwasserqualität vorgegeben. Doch regeln die EU-Richtlinien nicht, wie der geforderte Qualitätsstandard erreicht werden soll. Das erstaunt auf den ersten Blick, spiegelt allerdings das wider, was für viele Regelungen in Europa gilt: Die Umsetzung ist jedem EU-Land freigestellt. Eine erste grobe Orientierung, wo Sie das Wasser am Urlaubsort besser nicht aus der Wasserleitung trinken sollten, liefert unser kleiner „Trinkwasser-Reiseleiter“:

[Quelle: Focus Online]

Bundesweit hohe Qualitätsstandards, aber Tests bleiben angebracht

Während sich die Experten über die Qualität des EU-Wassers einig sind – und für diverse EU-Länder „Lebensgefahr aus der Wasserleitung“ verkünden – sind die Lager, was die Gesamtlage in Deutschland betrifft, gespalten. Auf der einen Seite ist für viele Fachleute das heimische Trinkwasser ein „hoch kontrolliertes Lebenselixier“. Der Anteil der Schadstoffe sei so gering, dass er praktisch keinen Effekt mehr auf unsere Gesundheit habe. Doch auf der anderen Seite warnen bereits viele davor, dass die Gefahr durch zu viele Schadstoffe und Nitrate die Sache ändern könnte. Dann nämlich, wenn die Nitrat-Belastung im Grundwasser konstant ansteigt. Und Tests beweisen: Bereits jetzt hat Deutschland nach Malta die zweithöchste Nitrat-Belastung im Grundwasser. Die Folge: Aufwändige Wasseraufbereitungsanlagen müssen Wasser filtern, damit es auch in Zukunft bedenkenlos getrunken werden kann. Das kostet viel Geld, welches die Wasserversorger in letzter Konsequenz dann an den Verbraucher weitergeben müssten. Einer Studie des Umweltbundesamtes zufolge könnte dies die Trinkwasserkosten um bis zu 45 Prozent steigern.

Die Wasserqualität ist so hoch wie nie, doch regelmäßige Tests sind essentiell.

 

Fazit: Wie beim Wasserkreislauf schließt sich hier der Kreis: Wasser ist und bleibt ein wertvolles Gut, die Wasserqualität ist so hoch wie nie, doch regelmäßige Tests sind essenziell, damit dies langfristig auch so bleibt.