calendar 24.02. 2016

Keine Fische, sondern Netze

Seit eineinhalb Jahren widmet Johanna Rapp ihre Freizeit afrikanischen Kleinunternehmern. Die Controllerin bei ista engagiert sich in einer Initiative, die Mikrokredite an Menschen in Kenia vergibt. Das soll vor allem Frauen den Aufbau einer eigenen Existenz ermöglichen. Ihre Freizeit für etwas Sinnvolles zu verwenden, ist Johanna Rapp wichtig.

Esther wanderte früher durch Gataka, um ein paar Tomaten oder Gurken zu verkaufen. Oder um zu betteln. Gataka liegt südwestlich von Nairobi, ein trister Vorort. Viele der rund 150.000 Einwohner sind vom Land hierher geflohen, um der Armut zu entkommen. So auch Esther. Vor zwei Jahren hat sie nun einen Lebensmittelkiosk eröffnet.

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat ihr ein Kleinkredit von vision:teilen e.V. ermöglicht. Diese franziskanische Initiative ist weltweit aktiv gegen Not und Armut, unter anderem mit einem Projekt für Mikrokredite in Kenia. Dabei vergibt „vision:teilen“ Darlehen an Frauengruppen von bis zu 15 Personen, die eine oder auch unterschiedliche Geschäftsideen entwickelt haben. Die Initiative baut auf der Zusammenarbeit mit verschiedenen Orden in Kenia auf, insbesondere mit Franziskanern und Passionisten. Dort sitzt auch eine Koordinatorin, die Kontakt zu den Gruppen hält.

Initiative für andere ergreifen

„Seit ein Bekannter von mir bei einem professionellen Mikrokreditgeber tätig ist, habe ich mich immer wieder damit beschäftigt“, erzählt Johanna Rapp. „Finanzaffin bin ich alleine schon durch meine Aufgabe als Business Controllerin bei ista. Ich arbeite gerne mit Zahlen und Fakten.“ Als schließlich über eine Freundin der Kontakt zu „vision:teilen“ entstand, entschied sie sich im Sommer 2014, in die ehrenamtliche Arbeit einzusteigen: „Momentan unterstützen wir zehn Frauengruppen, deren Projekte mit jeweils 1.500 Euro pro Gruppe gefördert werden. Manche eröffnen einen Laden, andere ziehen Küken auf und verkaufen Eier. Wir unterstützen auch eine Bäckerei und eine Gruppe, die ein altes Motorrad gekauft hat, um einen Taxi-Service aufzubauen.“

Die Gruppen sind ein wichtiges Element des Konzepts. Die einzelnen Mitglieder bürgen gegenseitig für sich – zahlt einer nicht, müssen die anderen einspringen. „So etablieren wir eine rechtzeitige Kontrolle für potenziell säumige Zahler“, erklärt Johanna Rapp, die lange im Investment Banking tätig war und einen klaren Blick für Unternehmensfinanzen mitbringt.

Das Team für Mikrokredite besteht aus fünf ehrenamtlichen Helfern, die sich einmal im Monat treffen. Sie haben die Aufgaben verteilt: Einer kümmert sich vorwiegend um Fundraising und Spendenmanagement, einer um Finanzen und Buchhaltung, ein anderer um die Kommunikation wie Blog und Newsletter. Johanna Rapp verfolgt zusammen mit ihrer Freundin Martina Schermer den Fortgang der Gruppen: „Einmal monatlich telefonieren wir mit der Koordinatorin in Kenia und besprechen, wie es in den Gruppen läuft. Eine hatte beispielsweise einen Teil der Ernte durch umherirrendes Vieh verloren. Wir haben entschieden, die Rückzahlungen zunächst auszusetzen, da die Gründer nicht direkt für den Verlust verantwortlich sind. Nun verfolgen wir, wie sie neue Pflanzen setzen und die Situation bewältigen, bevor sie wieder mit den Rückzahlungen beginnen.“

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Bild oben links: Die Kinder von Esther toben oft mit ihren Freunden rings um den Laden in Gataka. Bild oben rechts: Die Mitglieder der St. Francis Women Group aus Mawego, die alle HIV-positiv sind, betreiben unter anderem eine Bäckerei und eine Hühnerzucht. Bild unten: Eine Mikrokredit-Gruppe auf Mfangano Island, einer kleinen Insel im Victoria-See, hat sich auf den Verkauf von Räucherfisch spezialisiert.

Mit Geschäftssinn, Mut und Engagement

Wie gut das Konzept funktioniert, davon hat sich Johanna Rapp im Juni 2015 selbst ein Bild gemacht. Für zwei Wochen ist sie zusammen mit Martina Schermer auf eigene Kosten nach Kenia gereist, um die Gruppen zu besuchen. „Ich habe viele beeindruckende Menschen getroffen. Sie haben oft einen guten Geschäftssinn, eine Menge Mut und Engagement.“

Da viele der Kreditnehmer aus den Slums kommen und teilweise weder lesen noch schreiben können, werden sie zu Beginn von der Non-Profit-Organisation Hand in Hand Eastern Africa geschult. Sie erhalten sechs Monate lang begleitende Trainings über die Grundzüge der Betriebswirtschaft und über Buchhaltung. Die Schulungen gehen auch auf Gruppendynamik und Konfliktlösung ein. Zudem werden die Gruppen von Beginn an fortlaufend begleitet. Sie erhalten einen Ansprechpartner, der regelmäßig vorbeikommt und bei Problemen hilft.

Dieses Konzept spricht sich in der Region herum – so wie sich Nachrichten in Kenia üblicherweise verbreiten. Durch die Mundpropaganda informiert, fragen immer wieder neue Interessenten bei der Projektkoordinatorin in Kenia an. „Hat einer Feuer gefangen, zieht er oft los, um Mitgründer zu finden und einen Businessplan zu erstellen“, erzählt Johanna Rapp. „Wir helfen ihnen, ihren Businessplan durchzurechnen und erklären, was der Unterschied zwischen einem Kredit und Geldern der Entwicklungshilfe ist: Es geht darum, selbstbestimmtes Handeln zu fördern und selbst unabhängig zu werden. Auf Dauer soll das auch ohne uns funktionieren. Keine Fische, sondern Netze.“ Um das Ganze zu verstärken, sollen die Kreditnehmer auch Verantwortung den eigenen Leuten gegenüber übernehmen: Nur wenn die Gruppe zurückzahlt, kann das Geld an die nächste weiterfließen.

„Wir sind viel gereist, haben viele Leute getroffen, diskutiert und kalkuliert. Trotzdem fühlte ich mich nach den zwei Wochen in Kenia erholt.“

Menschen vor Ort Wertschätzung entgegenbringen

Überrascht war Johanna Rapp, wie begeistert die Kenianer reagierten, dass jemand extra aus Deutschland kommt, um sie zu besuchen. „So einen hohen Aufwand nehmen die Leute dort als große Motivation und Wertschätzung wahr.“ Das zeigt, dass das persönliche Engagement der „vision:teilen“ Mitarbeiter wesentlich zum Gelingen der Initiative beiträgt. Das Ergebnis: Bislang haben alle Gruppen ihre Kredite zurückbezahlt.

Das ist im Gewerbe der Kleinkredite nicht selbstverständlich. Mikrokreditnehmer können in viele Fallen tappen. So schrieb die Frankfurter Rundschau etwa im Januar 2012: Neue Untersuchungen würden belegen, dass mehr als die Hälfte der Schuldner nicht pünktlich zahlen könnten. Teilweise seien sie rigiden Methoden von Geldeintreibern ausgesetzt und gezwungen, weitere Darlehen aufzunehmen, um ausgefallene Kredite zu bedienen.


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Mikrokredite
erlangten Bekanntheit, als der Wirtschafts­wissen­schaftler Muhammad Yunus 1976 in Bangladesch ein entsprechendes Programm auflegte. Von da an galten sie als erfolgreiches Instrument zur Armutsbekämpfung. Yunus erhielt dafür 2006 den Friedensnobelpreis.

Weitere Informationen finden Sie im Mikrokredit-Blog von „vision:teilen“.

Wollen Sie eine Frauengruppe mit einem Mikrokredit unterstützen? Gehen Sie dazu einfach auf das Online-Spendenformular im Blog.


„Ich kenne diese Kritik“, sagt Johanna Rapp. „Aber bei „vision:teilen“ läuft vieles grundlegend anders.“ Zum Beispiel stehen bei der Initiative nicht wirtschaftliche Gewinne im Vordergrund: Enorm wichtig ist, die Kreditnehmer zu betreuen und zu schulen. „Wir haben keinen Druck, Gewinn zu erzielen, denn wir arbeiten mit Spenden. Und wir vergeben einen Folgekredit nur, wenn der erste zurückgezahlt wurde. Was ja ein Beleg ist, dass die Gründung Früchte trägt.“

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Johanna Rapp und Martina Schermer begannen ihre Rundreise in Nairobi. Vor dort aus reisten sie nach Kisumu und über den Viktoriasee nach Mfangano Island (gegen den Uhrzeigersinn). Zurück auf dem Festland folgten Homabay und Asumbi, dann ging es mit Zwischenstopps in Kisii und Molo wieder zurück nach Nairobi.

Auf eigenen Füßen steht sich’s besser

So erzählt auch Esther, die Johanna Rapp in Kenia kennengelernt hat: „Selbstständig zu sein ist viel besser. Mein Ehemann arbeitet in der hiesigen Rosenfabrik. Er bekommt nicht viel dafür und muss lange arbeiten. Mit meinem eigenen Geschäft verteilen wir die Last auf zwei Schultern.“ Der Laden läuft gut. Heute verdient Esther ihren Lebensunterhalt selbst, sie muss nicht mehr betteln und kann ihre Kinder zur Schule schicken.

Der Urlaub in Kenia hat Johanna Rapps Engagement beflügelt: „Kenia war anstrengend, wir haben zwei Wochen durchgehend gearbeitet. Es hat sich dennoch angefühlt wie Urlaub“, berichtet die Controllerin begeistert. „Es ist einfach ein gutes Gefühl, seine Zeit für etwas Sinnvolles zu verwenden und die eigenen Probleme relativieren sich. Ich war nach der Rückkehr sehr erholt.“

Gerade organisiert sie für das Mikrokredit-Team eine Benefiz-Veranstaltung für „vision:teilen“ – eine Theater-Gruppe hat einen Auftritt gespendet.

Und im Sommer steht die nächste Kenia-Reise an. Diesmal sollen die Ansprechpartner der Gruppen eine Fortbildung erhalten. Johanna Rapp ist seit einigen Wochen damit beschäftigt, alles Notwendige dafür zu organisieren: „Wir wollen besser werden. Es ist einfach so: Das Know-how und unser Engagement sind genauso wichtig wie das Geld.“

Interview mit der Kenia-Koordinatorin Schwester Carolyne Wilfrida. Johanna Rapp und ihre Freundin Martina Schermer haben das Interview im Juni 2015 anlässlich ihres Keniabesuches geführt.